Gesellschaftliche Konventionen

Ein Samstagabend, mitten in Deutschland. Ich komme gerade mit meiner Süßen aus dem Theater, der Faust wurde gegeben. Wir setzen uns noch in ein Café, um das gesehene zu diskutieren und den Abend gemütlich ausklingen zu lassen.

Doch dann ereignete sich etwas, das mir die Kinnlade runterfallen ließ. Unsere Bedienung, ich schätze sie auf Mitte 50, kam mit der Rechnung. Zunächst einmal legte sie diese ganz selbstverständlich an meinen Platz. Als wir dann anfingen, aufzuteilen, wer was zu bezahlen hatte, erhob sie ihre Stimme im Brustton der Empörung: Es sei ja wohl an mir, das zu bezahlen, so ein hübsches Mädchen!

Ich war total verdattert. „Ich habe sie ja schon ins Theater eingeladen…“; meine Süße meinte noch: „Naja, wir sind ja Studenten…“ Aber die Entrüstung wollte sich gar nicht mehr legen. Ob dieser Einmischung war ich so von den Socken, dass ich dann erstmal alles bezahlte. Ich war drauf und dran zu sagen: „Sie ist doch keine Prostituierte, dass ich sie für ihre Zeit bezahlen müsste!“, aber das verkniff ich mir zum Glück.

Was war denn hier eigentlich passiert? Ich musste das erst einmal verarbeiten. Zunächst einmal frage ich mich, wie sich jemand überhaupt so in unsere Privatangelegenheiten einmischen kann, noch dazu ohne irgendwas über uns zu wissen. Fakt ist: Wir sind beide Studenten, noch dazu bin ich – anders als meine Süße – Bafög-berechtigt. Was das Einkommen angeht, sind wir also gleich, wenn sie nicht sogar etwas mehr Geld zur Verfügung hat als ich. Warum sollte ich also bezahlen müssen?

Es liegt auf der Hand: Es ist eine Konvention, dass der Mann bezahlt. Eine althergebrachte Konvention, die aus einer Zeit stammt, in der Frauen kein eigenes Einkommen hatten. Daher war es logisch, dass der Mann bezahlte. Doch diese Zeiten sind gottlob vorbei. Wenn nun jemand trotzdem an diesen Konventionen festhält, dann zeigt er im Grunde nur, dass er auch die Zeiten wiederhaben will, aus denen diese Konventionen stammen. Das hat mich dann wirklich schockiert.

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  1. #1 von elmardiederichs am 17. Februar 2014 - 12:43

    Erst mal ein herzliches Willkommen in der blog-Welt! 🙂

  2. #3 von Christian - Alles Evolution am 17. Februar 2014 - 20:30

    Genau solche Erlebnisse hatte ich auch schon. Hatte ich hier mal was zu geschrieben:
    http://allesevolution.wordpress.com/2011/11/11/allgemeine-diskriminierungen-im-alltag/

  3. #4 von Catha am 17. Februar 2014 - 21:43

    Ich sehe es nicht als selbstverständlich an von einem Mann beim Ausgehen eingeladen zu werden und sollte ich es schon im Vorwege mitbekommen, dass er unbedingt zahlen will, dann ist meine Auswahl an Essen und Getränken auch eher bescheiden.

    Sollte ein Mann allerdings häufig mit mir ausgehen wollen, muss ich dann auch irgendwann passen, ich muss mir das ja auch leisten können – auch, wenn er z. B. in teure Restaurants will.

    Aber das kommuniziere ich dann auch entsprechend.

    Falls er auf teure Restaurants besteht… – gut, dann müsste er dann eben ggf. zahlen oder ich gebe den Anteil dazu, den ich mir leisten kann.

    • #5 von Christian - Alles Evolution am 17. Februar 2014 - 21:57

      Grundsätzlich spricht ja auch nichts dagegen, sich von jemanden einladen zu lassen, der das gerne möchte.
      Ich finde halt die Selbstverständlichkeit, mit der erwartet wird, dass der Mann zahlt, mitunter etwas nervig.

    • #6 von Der nachdenkliche Mann am 18. Februar 2014 - 2:52

      Ich persönlich mag es ja gerne gesellig, dieses ständige auf Heller und Pfennig auseinanderrechnen mag ich eigentlich nicht. Daher halte ich es am liebsten so, dass ich erst einmal einen ausgebe und, wenn dann von der Dame die Bemerkung kommt, sie möge das nicht, sie ermuntere, dafür das nächste Mal doch mich einzuladen. Das schafft Verbindlichkeit und klappt in der Regel auch recht gut.
      Bei besagter Dame war nun das Problem, dass sie gerne vergaß, wann (und zu welchen Preisen) ich sie eingeladen habe, weswegen ich von dieser Regel dann abgewichen bin.

      Wäre ja mal interessant gewesen, wie unsere Kellnerin reagiert hätte, wenn die Dame mich eingeladen hätte (was ja gar nicht so unwahrscheinlich gewesen wäre, da ich sie ja – wie gesagt – schon ins Theater eingeladen hatte)!

  4. #7 von Adrian am 18. Februar 2014 - 0:19

    Ein Willkommen auch vom anderen Ufer.

  5. #9 von Peter am 19. Februar 2014 - 1:37

    Wenn nun jemand trotzdem an diesen Konventionen festhält, dann zeigt er im Grunde nur, dass er auch die Zeiten wiederhaben will, aus denen diese Konventionen stammen. Das hat mich dann wirklich schockiert.

    Konventionen dieser Art vermitteln ein Gefühl der Sicherheit und der Ordnung. Veränderungen erfordern Anpassung und sind mühsam. Das fällt manchen älteren Leuten schwer. Ich würde da nicht zu hart urteilen. Wer weiss, vielleicht fällt es uns in hohem Alter auch schwer, uns an Veränderungen zu gewöhnen? Aber es war schon ein wenig grenzwertig von der Dame.

    • #10 von Der nachdenkliche Mann am 19. Februar 2014 - 13:49

      Nun ja. VIelleicht war die auch einfach nur dumm und hat die Doppelmoral ihrer Aussage gar nicht erkannt, das möchte ich nicht ausschließen. Gibt ja viele Leute, die solche Konventionen gar nicht erst hinterfragen.
      Aber wenn man mal drüber nachdenkt, warum es diese Konvention eigentlich gibt, dann hat das doch wenig mit Romantik zu tun, sondern viel mehr mnit Abhängigkeit. Mag jetzt Leute geben, die Abhängigkeit als romantisch empfinden, aber deswegen haben sie noch lange keinen Grund, anderen Leuten vorzuschreiben, wie sie ihre Kosten aufzuteilen haben.

  6. #11 von Matthias am 5. März 2014 - 15:28

    Auch von mir herzlich willkommen in der Welt von uns „skurilen Trollen“ und als was wir nicht alles bezeichnet werden.

    Nun zur Sache:

    „Eine althergebrachte Konvention, die aus einer Zeit stammt, in der Frauen kein eigenes Einkommen hatten.“

    Nicht nur. Da gibt es noch was: instinktive Dispositionen. Brautgeschenke sind im ganzen Tierreich häufig anzutreffen, bei völlig verschiedenen Arten.

    Und natürlich haben Weibchen die Möglichkeit, das auszunutzen, auch über Gebühr.

    Ich habe oft ähnliches erlebt mit der Rechnung, die zu mir wanderte, als wäre es die größte Selbstverständlichkeit. Einmal musste ich an der Theke darauf hinweisen, dass die Dame neben mir, die das Bezahlen vergaß (ob versehentlich oder absichtlich), gar nicht zu mir gehörte.

    Ist eine wirklich eigenartige Form des „Benachteiligt seins“ von den Damen.

    Gesellschaftliche Konvention? Wenn, dann nur auch. Die Gesellschaft greift schon mal etwas vom natürlichen Verhalten auf und erklärt es dann zur Norm, verstärkt es. Gilt gerade auch für Geschlechterrollen. Die werden nicht von der Gesellschaft konstruiert, sondern grundsätzlich von der Natur. Und einiges daran wird dann von der Gesellschaft aufgegriffen und verändert, oft sogar verstärkt.

  7. #12 von Wortman am 13. Juni 2014 - 8:59

    Da machst aber aus einer Mücke einen ziemlichen Elefanten.
    Das überhört man, teilt die Rechung und fertig. Wenn du die Bedienung sprachlos machen wolltest, hätte deine Begleitung bezahlt.
    Das der Mann bezahlt ist schon immer so gewesen. Da ist es erfreulich, wenn die Frau mal die Geldbörse zückt..

    Warum du theoretisch hättest bezahlen sollen? Weil du kein Schild am Kopf kleben hattest mit der Aufschrift: „Bin Student, Sie hat mehr Kohle.“
    Das jemand solche Zeiten wiederhaben will, weil er an solchen Konventionen festhält, ist totaler bullshit! Du regst dich darüber auf, bezahlst deiner Freundin aber das Theater. Das nenne ich doppelzüngige Moral. Sag jetzt nicht, das war eine einladung. Das wäre es im Cafe auch gewesen….

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