Archiv für Mai 2014

Wie Männlichkeit unterdrückt wird und was daraus folgt

„Sie könnten ein Dirndl auch ausfüllen“ – dieser Satz ruft in uns allen irgendeine Erinnerung, irgendeine Emotion hervor. Die einen sind empört: Wie kann man so etwas sagen? Noch dazu ein alter Politiker zu einer jungen Journalistin? Diese Empörung resultierte Anfang letzten Jahres im #Aufschrei, in dem teilweise sicherlich auch berechtigte Kritik an Alltagssexismus geübt wurde.

Bei vielen von uns löst dieser Satz aber etwas anderes aus: Unbehagen, Entsetzen über den #Aufschrei selbst, der darauf folgte. Warum ist das so?

Hand auf’s Herz: Ein Satz wie der von Rainer Brüderle ist für einen Mann vollkommen normal. Männer denken halt so. Sieht ein Mann eine attraktive Frau, die darüber hinaus noch ihre Reize ein bisschen in Szene setzt, löst das bei uns ganz einfach solche Gedanken aus. Wenn jetzt ein Mann aber diesen vollkommen normalen Gedanken in Worte fasst, entsteht daraus plötzlich ein riesiger Aufschrei. „Das, was dieser Mann gesagt hat, ist etwas ganz furchtbares. Er sollte sich schämen!“ Nach wie vor empören sich manche Leute darüber, dass sich Brüderle für diesen Satz nicht entschuldigt hat.

Wenn aber ein Satz, der für einen Mann vollkommen normal ist, solche Reaktionen hervorruft, lässt sich erkennen, dass das, was für Männer normal ist, schon lange nicht mehr gesellschaftlich normal ist. Die gesellschaftliche Normalität ist an der Frau und ihrer Weise zu denken und zu empfinden ausgerichtet. Das offenbarte sich im #Aufschrei und in dessen medialer Rezeption. Die männliche Art zu empfinden wurde als abnorm, als sexistisch konstruiert, als etwas, für das man sich schämen und entschuldigen müsse. Wenn männliche Normalität aber als etwas so illegitimes präsentiert wird, kommt man nicht umhin, anzuerkennen, dass sie unterdrückt wird. Für sie ist in unserer Gesellschaft kein Platz. Wir wollen das nicht. Leute, die so denken und sprechen, verstoßen gegen die Norm und werden sanktioniert. Brüderle dient hier nur als Musterbeispiel, sein Fall gilt stellvertretend für die gesamtgesellschaftliche Dynamik, wie mit männlichem Empfinden umgegangen wird.

Natürlich ließe sich einwenden, die Situation zwischen einem Politiker und einer Journalistin sei nicht in erster Linie eine Situation zwischen einem Mann und einer Frau gewesen, sondern eine rein professionelle Angelegenheit und Brüderle habe eben gegen dieses professionelle Setting verstoßen.

Dieser Einwand überzeugt allerdings nicht. Denn die Kritik, die Brüderle erntete, richtete sich nicht gegen seine Professionalität als Politiker, sondern gegen den „alten Chauvinisten“ der einer Frau gegenüber unangemessene Anzüglichkeiten macht. Die Kritik besagte nicht in erster Linie, dass ein Politiker so nicht mit einem Journalisten umgehen dürfe, sondern vor allem, dass ein Mann (noch dazu wenn er alt ist) nicht so mit einer Frau umgehen dürfe (noch dazu, wenn sie jung ist).

Aber darum soll es hier gar nicht gehen. Worum es mir vor allem geht, ist das Bild von Männlichkeit, was durch den #Aufschrei vermittelt wird, gerade auch an junge Männer, Jugendliche und Jungs, die noch auf der Suche nach ihrer Persönlichkeit als Mann sind. Ob die Situation an der Hotelbar nun (besonders) unangemessen war oder nicht, spielt dafür keine Rolle. Das zentrale Bild, was vermittelt wird ist folgendes: Männer dürfen nicht so sein, wie sie eigentlich sind. Sie dürfen Frauen nicht als sexuelle Wesen wahrnehmen und sie schon gar nicht so ansprechen. Damit reduzieren sie Frauen auf ihren Körper und dieses Verhalten ist böse. Wenn du so denkst, bist du falsch, von Grund auf verdorben und wenn du dich nicht änderst, wirst du gesellschaftlich sanktioniert, wirst du an den öffentlichen Pranger gestellt und mit Tomaten und faulen Eiern beworfen. Lass dir das eine Lehre sein!

Was mich wundert, ist, dass es dann aber selbst in namhaften Zeitungen immer wieder Artikel gibt wie diesen oder diesen. Hier wird beklagt, die Männer seien heute keine echten Männer mehr, sie seien unsicher, wüssten nicht was sie wollten und könnten eine Frau nicht befriedigen.

Und da frage ich mich immer: Leute, seid ihr wirklich so blind? Erkennt ihr nicht den Zusammenhang? Diese Männer sind nicht so, weil sie so geboren sind. Sie sind so, weil sie so verzogen und verbogen worden sind. Das ist gesellschaftliche Konditionierung. Das gibt es nicht erst seit #Aufschrei. Der war nur das aktuell offensichtlichste unter den vielen Elementen, die so wirken.

Und damit schließt sich der Kreis. Auch Frauen haben auf lange Sicht nichts davon, wenn Männlichkeit unterdrückt wird. Klar, sie werden dann nicht mehr so oft angemacht, was manchen vielleicht gefällt. Andererseits finden sie auch keine aufrichtigen Partner mehr, die selbstbewusst und mit sich selbst – vor allem auch sexuell – im Reinen sind. Das sind zwei Seiten der selben Medaille. Warum erkennt das denn niemand?

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