Archiv für Oktober 2014

Feminismuskritik = Hass?

In letzter Zeit häufen sich ja die Artikel in ein- bzw. zweischlägigen Zeitungen, die einmal den Fokus auf die Kritiker feministischer Positionen richten. Ich bin sicher, ihr habt das mitbekommen, ansonsten findet ihr hier bei man tau eine gute Übersicht.

Ich frage mich: Wie kommen die Autoren dieser Artikel zu ihren Ansichten?

Nun bin ich definitiv kein Anhänger von Verschwörungstheorien. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es irgendwo einen geheimen Rat gibt, bestehend aus den Spitzen von Journalismus, Feminismus, Politik und Wirtschaft, in dem beschlossen wird, was als richtige Meinung zu gelten hat. Ich glaube, die Wahrheit ist viel banaler.

Ja, es gibt teilweise wirklich berechtigte Kritik an dem, wie sich einige online über den Feminismus auslassen. Manchmal muss ich wirkklich sagen: Leute, wenn ihr so schreibt, dann braucht ihr euch auch nicht zu wundern, wenn ihr als Trolle, Hater, Ewiggestrige oder Nazis dargestellt werdet. Manche Kommentare laden wirklich dazu ein, auch wenn ich glaube, dass sich dahinter oftmals ganz vernünftige Leute verbergen, denen angesichts dieses Overloads hin und wieder mal der Kragen platzt.

Das Problem, was ich aber habe, ist, dass in besagten Artikeln nicht differenziert wird. Ja, es gibt sie, die Hater. Aber es gibt genauso auch konstruktive, inhaltlich fundierte und sachlich vorgetragene Kritik, mit der man sich unbedingt ernsthaft auseinandersetzen sollte. Doch in besagten Artikeln wird das alles in einen Topf gehauen, einmal kräftig verrührt und dann das Label „Hater“ draufgepappt. Wieso machen die sich das so einfach?

Ich glaube, das ist wirklich der Schlüssel: Sie machen es sich einfach. Es ist keine Verschwörung, die sind bloß denkfaul. Wir alle haben irgendwann, recht früh wahrscheinlich, gelernt, dass Frauen früher keinen guten Stand in der Gesellschaft hatten. Dass sie dann aufgestanden sind und ihre Gleichberechtigung eingefordert haben. Und dass sie sich im Laufe der Jahrhunderte und Jahrzehnte emanzipiert haben. Und das ist doch eine gute Sache. Ich setze mal voraus, dass wir alle die Idee absolut richtig finden, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sein sollen, niemand wegen seines Geschlechts benachteiligt werden soll und jeder die Freiheit haben soll, sich gemäß seiner Neigungen zu entwickeln. Ich jedenfalls unterstütze diesen Gedanken leidenschaftlich.

Doch irgendwann hat irgendein Ereignis, ein Erlebnis, eine Erfahrung, vielleicht ein Gespräch in meinem Kopf etwas ausgelöst. Da war dieser vage Verdacht, dass da irgendetwas nicht stimmt. Könnte es sein, dass das, was wir den Feminismus nennen, diese eigentlich doch edle Bewegung, die für die Gleichberechtigung aller Menschen eintritt, tatsächlich doch irgendwie ein bisschen komplizierter ist? Könnte es sein, dass da noch mehr ist?

Als diese Frage in meinem Kopf aufgewacht war, betrachtete ich die Auseinandersetzungen um Geschlecht zunehmend mit anderen Augen. Und mir wurde klar: So einfach ist es nicht. Der Feminismus sagt, er will alte Geschlechterklischees überwinden. Tatsächlich macht er sie sich aber zunutze, wo es ihm in den Kram passt. Aktuellstes Beispiel: Die UN-Kampagne HeForShe. Es wird an das uralte Klischee vom edlen Ritter in schillernder Rüstung appelliert, der der armen, hilflosen Maid zu Hilfe eilt, um sie aus den Fängen des Drachen (in diesem Falle also: des Patriarchats) zu befreien. Ja, was ist das denn?

Der Feminismus sagt, er will gleiche Rechte für beide Geschlechter. Doch das Recht auf die körperliche Unversehrtheit der Geschlechtsorgane steht nur den weiblichen Kindern zu. Natürlich gibt es auch Feministinnen, die das falsch finden, das will ich nicht unterschlagen. Aber es kann niemand behaupten, es würde sich von dieser Seite aus im gleichen Maße um die männliche Beschneidung gekümmert, wie um die weibliche. Einige finden das sogar ganz gut. Einige gehen sogar so weit, die männliche Beschneidung als ein Privileg der Männer zu betrachten und fordern dann, dass Frauen doch dieses Recht bitteschön auch haben sollten. Absurd. Das passiert, wenn man jeden Unterschied zwischen den Geschlechtern versucht, mit dem Patriarchat zu erklären.

Der Feminismus sagt, an Frauen würden höhere Maßstäbe angesetzt werden, was ihr Aussehen betrifft. Das stimmt. Und doch ist es nur die halbe Wahrheit, denn so wie eine hässliche Frau es bei Männern schwer hat, so schwer hat es umgekehrt ein Mann, der unentschlossen ist, der handwerklich unbegabt ist, der keine Ahnung von Technik hat, der kleiner oder körperlich schwächer als die Frau ist. Natürlich gibt es Ansprüche, denen Frauen ausgesetzt sind. Aber wenn es heißt, man trete für Gleichberechtigung ein, dann muss man sich die andere Seite natürlich auch anschauen. Es gäbe noch tausende Beispiele mehr dafür, wie der tatsächliche Feminismus von der weit verbreiteten Idee abweicht. Ich bin sicher, euch fallen auch noch viele ein.

Meine Vermutung ist nun, dass die Autoren der eingangs erwähnten Artikel diesen Schritt nicht gemacht haben. Sie haben nie ein Erweckungserlebnis gehabt. Die haben sich nie intensiv mit dem Thema und den Widersprüchen auseinandergesetzt und denken immer noch: „Mensch, Frauenrechte sind gut und wichtig!“ Ja, sind sie ja auch. Und dann denken sie: „Wer das kritisiert, der kann nur ein Revisionist sein, ein Frauenhasser, der keine gleichen Rechte will!“ Und da liegt der Hase im Pfeffer. Denn was wir kritisieren – zumindest kann ich das für mich sagen – ist ja überhaupt nicht die Idee der Gleichberechtigung, im Gegenteil! Was ich kritisiere ist vielmehr, dass diese Idee mittlerweile ad absurdum geführt wird. Was, so glaube ich, in vielen Fällen auch gar nicht mit Boshaftigkeit zu tun hat, sondern mit Denkfaulheit. Es werden Prinzipien aufgestellt, aber die eigenen Klischees werden überhaupt nicht hinterfragt.

Das führt natürlich zur Frage: Was können wir tun? Können wir überhaupt was tun?

Ich glaube, derbe Kommentare, Beschimpfungen, Drohungen usw. sind das allerschlimmste, was wir machen können. Wir müssen mit den Leuten genauso fair umgehen, wie wir wollen, dass sie mit uns umgehen. Außerdem müssen wir ganz klein anfangen. Man kann da nichts voraussetzen. Man muss ganz einfach über persönliche Erlebnisse sprechen. Was war bei mir der Auslöser, dass ich gemerkt habe: Hier stimmt was nicht? Und als ich das gemerkt hatte: Wodurch hat sich dieses Bild verfestigt? Darüber müssen wir sprechen, ganz persönlich, ganz unaufgeregt. Nur dann haben wir die Chance, dass uns irgendwer ernst nimmt.

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