Gendergerechte Sprache – Die nachdenkliche Position

Die FAZ veröffentlichte heute einen eher so mittelmäßig starken Artikel über Lann Hornscheidt und das sog. feministische Sprachhandeln, bzw. die Anfeindungen, denen die Person im Internet ausgesetzt ist.

Auf die Anfeindungen aus dem Netz gehe ich mal nicht ein, denn das halte ich für eine Konstante, die sich durch die Netzgesellschaft erklären lässt, nicht durch das Thema, um das es geht. Nicht, dass ich das gut finde, aber ich halte es für wohlfeil, ausgerechnet dann, wenn es um Gender geht, darauf hinzuweisen. Ich warte immer noch auf das YouTube-Video, in dessen Kommentarstrang sich keine Diskussion über Hitler, die USA und Israel entwickelt. Insofern ist es natürlich unterhaltsam, die Diskussion nachzuzeichnen, bringt aber keinerlei Erkenntnisfortschritt.

Stattdessen möchte ich nur mal meine Meinung zum sog. feministischen Sprachhandeln loswerden, denn auch, wenn das Thema ja schon seit geraumer Zeit durch’s Netz wabert, habe ich die darin noch nicht wiedergefunden. Und was ein richtiger geschlechterpolitischer Blog sein will, muss dazu ja auch irgendwann mal Position beziehen.

„Der Grund dafür, erfährt man, wenn man ein bisschen googelt, ist, dass Hornscheidt sich weder als Mann noch als Frau fühlt, es dafür aber im Deutschen keine Form gibt, weswegen dieser Artikel echt nicht leicht zu schreiben ist.“

Das ist natürlich ein nachvollziehbares Problem, und ich frage mich: Warum so komische Sprachregeln erfinden, wenn die Lösung doch so naheliegend ist? Anstatt, dass man jetzt unzählbar viele Geni einführt, kann man doch einfach eins für alle nehmen.
Das ist übrigens eine ganz und gar unkreative, weil über lange Zeit erprobte Lösung:
Bis weit in die 1970er Jahre ging man davon aus, dass Professor, Lehrer, Bürgermeister etc. geschlechtsunabhängige Berufe seien. So bestand die erste Landrätin Niedersachsens, Hertha Peters, die zufällig in meinem Heimatlandkreis wirkte, auf die Anrede „Frau Landrat“.
Das ergibt auch durchaus Sinn, denn: Landrat ist wie Professor eine Funktion. Eine Funktion hat aber kein Geschlecht. Es ist vollkommen wurscht, ob das nun eine Frau ist, ein Mann, Katholik, Protestant, Sozialist, Nazi: Es ist eine Funktion, die quasi unendlich viele mögliche Ausformungen annehmen kann. Bevor man also für jede denkbare Ausformung eigene Sprachregeln aufstellt und damit die Sprache unendlich kompliziert macht, fasst man halt alles unter einer zusammen. Das war so pragmatisch.

Bis dann irgendwann jemand im Schulunterricht nicht mehr aufgepasst und Funktion und Geschlecht verwechselt hat und folgerichtig meinte, durch diese Bezeichnung würden Frauen unsichtbar gemacht. Nun, das ist richtig, wenn man davon ausgeht, dass eine Bezeichnung, unter der sich bis dato vor allem Männer versammelt hatten, nur Männer bezeichne. Nach derselben Logik müsste man aber auch schließen, sie würde Kleinwüchsige, Buddhisten, Kinder und Kanalarbeiter unsichtbar machen. Das generische Maskulinum und das biologische Maskulinum waren aber nie dasselbe, das sind zwei vollkommen unabhängig voneinander existierende Phänomene. Und das wäre auch immer noch so, wenn man mal in der Schule aufgepasst hätte.

Und jetzt wird die Lösung des Problems selbst zum Problem. Die Revolution frisst ihre Kinder.

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  1. #1 von only_me am 18. November 2014 - 0:05

    Danisch hatte kürzlich diesen Blogbeitrag verlinkt:
    http://www.belleslettres.eu/artikel/genus-gendersprech.php

    Da er recht lang ist, habe ich ihn noch nicht vollständig gelesen. Sehr schön ist exemplarisch dieses Zitat:

    Beginnen wir ein Experiment! Legen Sie bitte Ihren Zeigefinger in der folgenden Tabelle auf die Stelle, die Mann männlich, Frau weiblich und Ding zu einer Sache macht:

    td>maskulinum femininum neutrum
    td>der Mann die Frau das Ding

    Liegt Ihr Finger links auf dem Artikel, in der Grund­schule auch Ge­schlechts­wort genannt? Dann haben Sie hof­fent­lich eine Erklä­rung dafür parat, warum der Löffel maskulin, die Gabel feminin und das Messer säch­lich sind.

    (Ich hoffe, die Tabelle überlebt den Kommentar.)

    tl;dr:
    Es gibt keinen engen Zusammenhang zwischen grammatischen und biologischen Geschlecht. Ein Wort wie „Geschäftsführer“ ist eigentlich nicht männlich, sondern unbiologisch.
    Wäre es biologisch, würde das Männliche in der Silbe „er“ stecken. Dann wäre aber die Form „Geschäftsführerin“ falsch, da sie sowohl die männliche als auch die weibliche Endung enthielte. Und das gibt es in indogermanischen Sprachen nicht, dass eine Endung die andere „auslöscht“.

    „Liebe Bürgerinnen und Bürger“ ist also so sinnvoll wie „Liebe Katzen und Tiere“, als seien Katzen eben keine Tiere.
    Sind sie aber.
    Ihre gesonderte Erwähnung kann also nur noch den Zweck der Extrawurst, der Sonderbehandlung haben.

    • #2 von Der nachdenkliche Mann am 18. November 2014 - 0:21

      Sehr interessanter Gedanke, das hatte ich so noch gar nicht gesehen, leuchtet aber vollkommen ein! Vielen Dank für’s teilen!

  2. #3 von LoMi am 18. November 2014 - 9:39

    Ich habe kein Problem damit, Frauen mitzuerwähnen. „Bürgerinnen und Bürger“ finde ich absolut in Ordnung und das benutze ich auch so. Aber aus pragmatischer Sicht handelt man sich ja ein bekanntes Problem ein: Nun sind ja nur zwei Geschlechter benannt, wo es doch vorgeblich derer um die 60 geben soll. Wie kann man diese alle nun mitbenennen? Mit Sternchen und Unterstrichen blendet man sie letztlich immer noch aus. Das ist also auch nur eine Verlegenheitslösung. Wir werden die Formel „Bürgerinnen und Bürger“ um sehr viele weitere Bezeichungen ergänzen müssen – zumindest, wenn wir gendertechnisch konsequent sind.

    Das ist natürlich unsinnig und führt zu der Frage, ob der Versuch der begrifflichen Exaktheit überhaupt angemessen ist. Der Versuch, jede Ausprägung individueller Identität abzubilden, ist per se zum Scheitern verurteilt. Es braucht hier eigentlich einen sehr pragmatischen Umgang mit Sprache, die einfache Formen nutzt und voraussetzt, dass man die Sprachform trotzdem auf alle Personen bezieht. Dem Versuch, für alles einen korrekten Begriff zu finden, ist dagegen ein tragischer Irrtum. Das kann nicht gelingen.

    • #4 von Der nachdenkliche Mann am 18. November 2014 - 12:21

      Nochmal zur Präzision: Meinst du, es ist ein Irrtum, für jedes einen korrekten Begriff zu finden oder einen korrekten Begriff für alles (also einen, der alle einschließt) zu finden?

      • #5 von LoMi am 18. November 2014 - 13:23

        Der Irrtum ist, für jedes Phänomen einen Extra-Begriff finden zu wollen, der dann auch noch angemessen ist. Sprich: Der Versuch, dieses einzelne Phänomen haargenau zu erfassen und das dann noch so, dass es positiv und nicht negativ bewertet wird.

        Die bessere Weise ist es, einen unscharfen Begriff zu nutzen, von dem alle wissen, dass er halt unscharf ist.

        • #6 von Der nachdenkliche Mann am 18. November 2014 - 14:21

          Okay. Das ist ja auch die Meinung, die ich grundsätzlich im obigen Artikel vertrete. Andernfalls würde es konsequenterweise darauf herauslaufen, schlussendlich für jedes Indidivuum eine eigene Sprache zu erfinden;
          Erst gibt es ein generisches Maskulinum, das für alle gleich ist, dann wird sprachlich zwischen biologischem Femininum und Maskulinum unterschieden, dann heißt es, es gibt noch mehr als dieses, ich meine, wo soll denn das aufhören? Die Zahl der Varianzen ist, wenn man erst einmal damit anfängt, praktisch unbegrenzt. Das resultiert dann in der babylonischen Sprachverwirrung. Wer kann denn das wollen?

  1. Warum manche Männer feministischen Unsinn mitmachen, eine Vermutung | Meinungen und Deinungen
  2. Die Herrschaft der Unschuld (Monatsrückblick November 2014) – man tau

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