Woher die Scheuklappen?

Die Diskussion mit LoMi auf dem Blog Geschlechterallerlei hat mich auf einen interessanten Punkt gebracht:

Warum wird eigentlich die Unterdrückung bzw. Benachteiligung von Frauen in der Gesellschaft im politischen Diskurs weitgehend unhinterfragt angenommen und warum wehren sich auch Männer nicht dagegen, wenn diese Annahme zu einer Politik führt, die ihren persönlichen Interessen zuwiderläuft? Es scheint da eine Art „höherer Moral“ zu geben, die dem Eintreten für Fraueninteressen zugrundeliegt. Auf diese Annahme bezieht sich mein Beitrag, den ich hier in fast voller Länge zitiere.

»Zunächst könnte man ja annehmen: Das scheint so, weil es so ist. Das müsste natürlich genauer begründet werden, denn nichts ist einfach aus sich heraus moralisch, so wie nichts aus sich heraus a-moralisch ist.

Moralität scheint mir zunächst etwas sozial konstruiertes zu sein. Es gab Zeiten, in denen es als a-moralisch galt, einem Sklaven die Freiheit zu schenken. Heute gilt Sklaverei als solche als a-moralisch.

Wie also lässt sich begründen, dass das Eintreten für Fraueninteressen von vornherein moralisch sei? Nun, wir stimmen wohl darin überein, dass es nach westlich-liberalen Vorstellungen moralisch ist, für jemanden einzutreten, der unterdrückt wird und deshalb nicht selbst für seine Rechte eintreten kann. Historische Beispiele wären der Kampf gegen die Sklaverei in den USA oder das heimliche Verstecken von Juden im NS.

Selbst radikale Feministinnen würden aber wohl kaum behaupten, dass die Unterdrückung der Frauen, die sie annehmen, so weit geht. Figuren wie Alice Schwarzer, Bascha Mika oder Luise Pusch belegen, dass Frauen selbst für ihre Interessen eintreten können. Sie werden damit zwar in einer bestimmten Richtung verortet, aber das an sich ist nichts ungewöhnliches; Auch, wenn ich mich beispielsweise für die Erhaltung spätgotischer Kirchengebäude einsetze, werde ich in einer bestimmten Richtung verortet, ohne dass dies ein Beleg für die Unterdrückung spätgotischer Kirchengebäude wäre. Entscheidend ist, dass sie dies seit vielen Jahrzehnten tun, ohne staatlichen oder sonstigen Repressionen ausgesetzt zu sein. Dass es Anfeindungen aus Teilen der Zivilgeselschaft gibt, ist in einer pluralistischen Gesellschaft kein Beleg für Unterdrückung; Ich verweise wieder auf das hypothetische Engagement für spätgotische Kirchengebäude, mit dem ich andere Religionsangehörige, Atheisten oder Interessenten an dem Baugrund gegen mich aufbringen könnte. Man kann in einer pluralistischen Gesellschaft nicht erwarten, jeden auf seine Seite zu bringen, das wäre gleichsam ihr Ende.

Wie also wird die Unterdrückung dann begründet? Nun, wir kennen die statistischen Argumente vom Gender-Pay-Gap, von den Zahlenverhältnissen in Unternehmensvorständen usw. und kennen auch die Gegenposition zu diesen Zahlen. Wir wissen auch, dass die Zahlen zwar eine Ungleichverteilung, aber noch keine Ungerechtigkeit erklären und schon gar keine Unterdrückung. Und ich für meinen Teil traue den meisten Politikern und Medienschaffenden auch durchaus zu, dazwischen zu unterscheiden.

Es gibt verschiedene Belege, die darüber hinaus eine Ungerechtigkeit nahelegen, aber auch solche, die als Gegenbeleg herangezogen werden könnten; ein eindeutiges Bild ergibt sich nicht. Eindeutigkeit kann man darin nur sehen, wenn man sie sehen möchte und anderes systematisch ausblendet. Genau das scheint zu passieren.

Es stellt sich dann die Frage: Warum passiert das? Und damit sind wir wieder am Anfang. Die Moralität aus sich heraus konnte nicht gefunden werden, denn was sollte moralisch daran sein, jemanden permanent zu bevorzugen, der definitiv kein klares Opfer von Unterdrückung ist und dessen Benachteiligung unklar ist? Freilich könnte man Schritte unternehmen, Ungleichheiten zu beseitigen, aber darüber geht die aktuell wirksame Politik ja zunehmend hinaus, während der institutionalisierte Widerstand dagegen (also das, was früher bspw. konservative Parteien getan haben) immer stärker nachlässt.

Ich sehe hier keine Moralität am Werk, nichts, was vermeintlich außerhalb des Menschen liegen würde, sondern eher Sozialpsychologie. Zum einen gibt es wohl keine Generation zuvor, die so sehr in dem Bewusstsein der historischen Stellung und Benachteiligung von Frauen aufgewachsen ist, als diejenige, die derzeit an den gesellschaftlichen Schlüsselpositionen sitzt; dieses Bewusstsein schlägt sich nieder, und auch wenn die Realität inzwischen eine andere ist, wirkt das Bewusstsein nach wie vor so, dass es bestehende Benachteiligungen abbauen will und Benachteiligungen von Männern nicht sieht. Deswegen ist es gut, dass jede Generation einmal abtritt, denn jede Generation wächst in einem anderen Bewusstsein auf. Damit, dass die soziale Welt sich permanent beschleunigt, kann das Bewusstsein aber immer weniger mit der Realität schritthalten, was ein spezifisches Problem der Postmoderne ist.

Zum anderen scheint mir hier ein Fall von ‚benevolent sexism‘ vorzuliegen, der vom real existierenden Feminismus selbst reproduziert wird, weil er auch an diesen appelliert. Das ist der Grund, warum so viele Männer dabei scheinbar bereitwillig mitmachen. Der Mann lernt von kleinauf, für Frauen da zu sein. Sei es nun das klassische Gentleman-Verhalten, also der Frau die Tür aufzuhalten, ihre Jacke zu nehmen etc., seien es die Errungenschaften der sexuellen Revolution, beim Sex auf die Frau einzugehen (und dabei ganz selbstverständlich davon auszugehen, dass der Mann sowieso auf seine Kosten kommt), sei es das Verteidigen der Ehre der eigenen Mutter (das verschieden aussehen kann; das Wort Hurensohn galt früher und auch heute noch gerade im islamischen Bereich als eine der denkbar schlimmsten Beleidigungen, weil es eben die Ehre der Mutter beschmutzt; oder in der Form der alleinerziehenden Mutter, die den Sohn damit zur Waffe gegen den Vater macht) oder sei es die ganz klassische Erwartung an den Mann, Karriere machen zu müssen, um damit einmal Frau und Kinder ernähren zu können.

An diese Muster des benevolent sexism knüpfen Quoten- und Schutzraum-Diskurse nahtlos an. Sie machen sich den durch weibliche Bezugspersonen geprägten Sexismus der Männer zu Nutze, um diese vor den eigenen Karren zu spannen.

Dieser benevolent sexism ist es, keine überlegene Moral, der eine Versachlichung der Debatte unmöglich macht.«

Der Grund für dieses ausführliche Selbstzitat ist, hier eine gesonderte Debatte über diesen Einzelaspekt zu ermöglichen.

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  1. #1 von LoMi am 18. November 2014 - 12:02

    Ein Gedanke dazu. Ein sehr subjektiver.
    Ich erlebe Frauen oft als unbescheiden in ihren Forderungen. Sie wollen etwas und verlangen es, ohne wenn und aber. Das sehe ich z.B. bei Ehefrauen und Müttern und ihrem Umgang mit ihren Männern.

    Der Feminismus tritt ebenfalls in dieser Tonlage auf: ohne wenn und aber und sehr, sehr fordernd.

    Nach Deiner Argumentation hat das ja auch die gleiche Wurzel, nämlich die Erziehung von Männern, die sie in ständiger Bereitschaft hält, etwas für Frauen zu tun.

    Ist doch eine interessante Parallele…

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