Archiv für Dezember 2014

Prostitution, oder: In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?

Momentan scheint so langsam wieder die alljährliche Prostitutionsdebatte in Schwung zu kommen. So veröffentlichte die Welt heute ein Interview mit einer Frauenrechtlerin und Ordensschwester, wobei ich fast dazu tendiere, die Funktion der Ordensschwester an erste Stelle zu setzen, denn dadurch wird ihre Haltung eher charakterisiert.

Und die Gegenposition lässt auch nicht lange auf sich warten, Don Alphonso veröffentlicht auf seinem Blog bei der FAZ einen Gastbeitrag einer Prostituierten.

Ich selbst bin da hin und her gerissen. Einerseits bin ich Romantiker, und als solchem gefällt es mir nicht, dass man (und meistens Mann) sich dazu gezwungen sieht, Geld für die Befriedigung von Bedürfnissen bezahlen zu müssen, die man doch eigentlich in gegenseitigem Einvernehmen und zur beiderseitigen Freude gemeinsam ausleben sollte. Und oftmals, das ist immer wieder zu lesen, geht es vielen Freiern ja gar nicht so sehr um Sex, sondern ganz grundsätzlich um das Gefühl des Angenommenseins, das sie sich dann eben für Geld geben lassen. Das ist doch eigentlich traurig.

Andererseits bin ich auch Liberaler und sage: Wenn es einen Markt gibt, mit einer Nachfrage und jemandem der bereit ist, diese Nachfrage zu einem bestimmten Preis zu befriedigen, dann ist es nicht mein Bier, mich darin einzumischen.

Ich bin ja auch immer noch ein bisschen links, und daher ist für mich auch wichtig, dass es einen Staat gibt, der Gesetze zum Schutz vor Ausbeutung erlässt. Menschenhandel ist furchtbar, ich denke, darüber brauchen wir nicht diskutieren. Auch der Jugendschutz ist ein absolutes Gut. Und natürlich muss der Staat in der Lage sein, die Einhaltung dieser Gesetze auch zu gewährleisten.

Und schließlich bin ich auch Realist, und als solcher erkenne ich an, dass es nunmal leider so ist, dass viele Menschen im Bereich des Sexuellen Bedürfnisse haben, die unbefriedigt bleiben müssten, wenn es keine Prostitution gäbe. Das ist bedauernswert, aber es ist nunmal so. Ich bin auch Realist genug, anzuerkennen, dass es in diesem Wirtschaftszweig sicherlich Probleme geben wird. Es stehen sich da beide Seiten ziemlich unversöhnlich gegenüber. Die eine sagt: Es gibt keine Sexarbeit, das ist Zwangsarbeit. Die andere sagt: Alles kein Problem. Mir kommen beide Positionen ziemlich simplifizierend vor. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte. Und ich erkenne auch an, dass das mit der Kontrolle und der Einhaltung der Gesetze in der Praxis alles nicht so einfach ist. Kurz: Ich bin unentschieden.

Diese Debatte wird, das erkennt hier wahrscheinnlich jeder so, hochgradig hysterisch geführt. Es gibt nur schwarz und weß, richtig und falsch, und die jeweils andere Seite ist des Teufels. Warum ist das eigentlich so?

Mein Eindruck ist, dass sich an dieser Debatte eine Grundfrage entzündet, nämlich: In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Die Prostitutionsdebatte ist ein Stellvertreterkrieg, und deswegen wird sie so erbittert geführt.

Wollen wir in einer liberalen Gesellschaft leben, in der das Individuum im Mittelpunkt steht und seine persönliche Freiheit, das zu tun, was es gerade für gut und richtig hält – inklusive der Freiheit, eigene Fehler zu machen und dafür niemanden als sich selbst verantwortlich machen zu können – die entsprechend notwendigerweise tolerant ist, in der es unzählbar viele Arten von Lebensweisen nebeneinander gibt, die aber auch für viele Menschen verunsichernd sein kann, in der viele das Gefühl haben, alles ausleben zu müssen, nichts verpassen zu dürfen, kurz: die viele überfordert und in der das Sicherheitsbedürfnis auf der Strecke bleiben könnte, in der es an verbindendem fehlt?

Oder wollen wir in einer Gesellschaft leben, die sich über gemeinsame Werte definiert, in der jeder weiß, wo sein Platz ist, die Sicherheit und Gemütlichkeit bietet, in der diese kollektiven Werte aber auch die Grenzen für individuelles Handeln setzen und in der Andersartigkeit permanent der Gefahr der Stigmatisierung und Ausgrenzung ausgesetzt ist, die für Andersdenkende und Minderheiten eine permanente Bedrohung darstellt?

Ich kann beiden Ideen etwas abgewinnen, aber beide, zum Extremen geführt, machen mir auch Angst. Müsste ich mich entscheiden, wäre mir die erste Variante dann aber doch lieber.

Was mich jetzt an dieser ganzen Debatte fortwährend irritiert, ist ein innerer Widerspruch des Feminismus, der in ihr zu Tage tritt. So wird aus dieser Richtung einerseits Diversität gefeiert, was einer liberalen Position recht nahe kommt, wenn ich auch manchmal den Eindruck habe, es wird übertrieben. In einer liberalen Gesellschaft werden nicht bestimmte Lebensmodelle gefeiert und andere nicht, da existieren alle gleichwertig nebeneinander. Andererseits zeigt sich dann aber an Beispielen wie eben der Prostitutionsdebatte, dass man doch eher eine Gesellschaft der zweiten Art anstrebt – und zwar nach den eigenen Werten, versteht sich. Die eigenen Werte sollen zu kollektiven erhoben werden, die dann die Grundlage und die Grenzen gesellschaftlichen Zusammenlebens bilden sollen.

Hier zeigt sich, dass das Befürworten von Diversität ein Scheinargument ist. Diversität wird dann gutgeheißen, solange eigene Positionen sich darunter versammeln können. Andere ausgegrenzte Positionen sind davon keineswegs betroffen, wie sich in dieser Debatte sehr anschaulich zeigt. Mit der Diversität sind nicht diejenigen Leute gemeint, die Sex gegen Geld anbieten, es sind auch nicht die Leute gemeint, die gerne für Geld ihre Vorlieben ausleben, obwohl auch diese gesellschaftlich stigmatisiert sind. Das sollen sie bitteschön auch bleiben, ja, man will sogar nocht weiter gehen und sie sogar unter Strafe stellen. Liberalität sieht anders aus.

Ich tue mich ein bisschen schwer damit, von Totalitarität zu sprechen, denn auch ein extremer Liberalismus kann totalitär sein. Aber auch eine Gesellschaft unter dem Diktat eines bestimmten Wertesystems kann totalitär sein, dafür gibt es zahllose historische Beispiele. Vielleicht würden wir gut daran tun, uns an einen Wert, der in der Bibel wie der antiken Philosophie eine Grundtugend darstellte, zu erinnern: die Mäßigung.

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