Prostitution, oder: In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?

Momentan scheint so langsam wieder die alljährliche Prostitutionsdebatte in Schwung zu kommen. So veröffentlichte die Welt heute ein Interview mit einer Frauenrechtlerin und Ordensschwester, wobei ich fast dazu tendiere, die Funktion der Ordensschwester an erste Stelle zu setzen, denn dadurch wird ihre Haltung eher charakterisiert.

Und die Gegenposition lässt auch nicht lange auf sich warten, Don Alphonso veröffentlicht auf seinem Blog bei der FAZ einen Gastbeitrag einer Prostituierten.

Ich selbst bin da hin und her gerissen. Einerseits bin ich Romantiker, und als solchem gefällt es mir nicht, dass man (und meistens Mann) sich dazu gezwungen sieht, Geld für die Befriedigung von Bedürfnissen bezahlen zu müssen, die man doch eigentlich in gegenseitigem Einvernehmen und zur beiderseitigen Freude gemeinsam ausleben sollte. Und oftmals, das ist immer wieder zu lesen, geht es vielen Freiern ja gar nicht so sehr um Sex, sondern ganz grundsätzlich um das Gefühl des Angenommenseins, das sie sich dann eben für Geld geben lassen. Das ist doch eigentlich traurig.

Andererseits bin ich auch Liberaler und sage: Wenn es einen Markt gibt, mit einer Nachfrage und jemandem der bereit ist, diese Nachfrage zu einem bestimmten Preis zu befriedigen, dann ist es nicht mein Bier, mich darin einzumischen.

Ich bin ja auch immer noch ein bisschen links, und daher ist für mich auch wichtig, dass es einen Staat gibt, der Gesetze zum Schutz vor Ausbeutung erlässt. Menschenhandel ist furchtbar, ich denke, darüber brauchen wir nicht diskutieren. Auch der Jugendschutz ist ein absolutes Gut. Und natürlich muss der Staat in der Lage sein, die Einhaltung dieser Gesetze auch zu gewährleisten.

Und schließlich bin ich auch Realist, und als solcher erkenne ich an, dass es nunmal leider so ist, dass viele Menschen im Bereich des Sexuellen Bedürfnisse haben, die unbefriedigt bleiben müssten, wenn es keine Prostitution gäbe. Das ist bedauernswert, aber es ist nunmal so. Ich bin auch Realist genug, anzuerkennen, dass es in diesem Wirtschaftszweig sicherlich Probleme geben wird. Es stehen sich da beide Seiten ziemlich unversöhnlich gegenüber. Die eine sagt: Es gibt keine Sexarbeit, das ist Zwangsarbeit. Die andere sagt: Alles kein Problem. Mir kommen beide Positionen ziemlich simplifizierend vor. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte. Und ich erkenne auch an, dass das mit der Kontrolle und der Einhaltung der Gesetze in der Praxis alles nicht so einfach ist. Kurz: Ich bin unentschieden.

Diese Debatte wird, das erkennt hier wahrscheinnlich jeder so, hochgradig hysterisch geführt. Es gibt nur schwarz und weß, richtig und falsch, und die jeweils andere Seite ist des Teufels. Warum ist das eigentlich so?

Mein Eindruck ist, dass sich an dieser Debatte eine Grundfrage entzündet, nämlich: In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Die Prostitutionsdebatte ist ein Stellvertreterkrieg, und deswegen wird sie so erbittert geführt.

Wollen wir in einer liberalen Gesellschaft leben, in der das Individuum im Mittelpunkt steht und seine persönliche Freiheit, das zu tun, was es gerade für gut und richtig hält – inklusive der Freiheit, eigene Fehler zu machen und dafür niemanden als sich selbst verantwortlich machen zu können – die entsprechend notwendigerweise tolerant ist, in der es unzählbar viele Arten von Lebensweisen nebeneinander gibt, die aber auch für viele Menschen verunsichernd sein kann, in der viele das Gefühl haben, alles ausleben zu müssen, nichts verpassen zu dürfen, kurz: die viele überfordert und in der das Sicherheitsbedürfnis auf der Strecke bleiben könnte, in der es an verbindendem fehlt?

Oder wollen wir in einer Gesellschaft leben, die sich über gemeinsame Werte definiert, in der jeder weiß, wo sein Platz ist, die Sicherheit und Gemütlichkeit bietet, in der diese kollektiven Werte aber auch die Grenzen für individuelles Handeln setzen und in der Andersartigkeit permanent der Gefahr der Stigmatisierung und Ausgrenzung ausgesetzt ist, die für Andersdenkende und Minderheiten eine permanente Bedrohung darstellt?

Ich kann beiden Ideen etwas abgewinnen, aber beide, zum Extremen geführt, machen mir auch Angst. Müsste ich mich entscheiden, wäre mir die erste Variante dann aber doch lieber.

Was mich jetzt an dieser ganzen Debatte fortwährend irritiert, ist ein innerer Widerspruch des Feminismus, der in ihr zu Tage tritt. So wird aus dieser Richtung einerseits Diversität gefeiert, was einer liberalen Position recht nahe kommt, wenn ich auch manchmal den Eindruck habe, es wird übertrieben. In einer liberalen Gesellschaft werden nicht bestimmte Lebensmodelle gefeiert und andere nicht, da existieren alle gleichwertig nebeneinander. Andererseits zeigt sich dann aber an Beispielen wie eben der Prostitutionsdebatte, dass man doch eher eine Gesellschaft der zweiten Art anstrebt – und zwar nach den eigenen Werten, versteht sich. Die eigenen Werte sollen zu kollektiven erhoben werden, die dann die Grundlage und die Grenzen gesellschaftlichen Zusammenlebens bilden sollen.

Hier zeigt sich, dass das Befürworten von Diversität ein Scheinargument ist. Diversität wird dann gutgeheißen, solange eigene Positionen sich darunter versammeln können. Andere ausgegrenzte Positionen sind davon keineswegs betroffen, wie sich in dieser Debatte sehr anschaulich zeigt. Mit der Diversität sind nicht diejenigen Leute gemeint, die Sex gegen Geld anbieten, es sind auch nicht die Leute gemeint, die gerne für Geld ihre Vorlieben ausleben, obwohl auch diese gesellschaftlich stigmatisiert sind. Das sollen sie bitteschön auch bleiben, ja, man will sogar nocht weiter gehen und sie sogar unter Strafe stellen. Liberalität sieht anders aus.

Ich tue mich ein bisschen schwer damit, von Totalitarität zu sprechen, denn auch ein extremer Liberalismus kann totalitär sein. Aber auch eine Gesellschaft unter dem Diktat eines bestimmten Wertesystems kann totalitär sein, dafür gibt es zahllose historische Beispiele. Vielleicht würden wir gut daran tun, uns an einen Wert, der in der Bibel wie der antiken Philosophie eine Grundtugend darstellte, zu erinnern: die Mäßigung.

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  1. #1 von Magdalena am 6. Dezember 2014 - 22:47

    Ich tue mich ebenfalls schwer damit, diese hier genannte liberale Haltung Liberale als Lösung und als ultima raio zu sehen. Es kann ebenfalls eine Ideologie sein …

    Verbundene Grüße

    Auf keinen Fall eine Ordensschwester, die nu gerade nicht,
    eher eine Sünderin, eine Magdalena.

  2. #2 von Don Alphonso am 6. Dezember 2014 - 22:48

    Dass es heute kommt, ist reiner Zufall und hat mit der Welt nichts zu tun – aber es ist auch schön passend und das freut mich. Nur, also, eine Ordensschwester, naja, also…

    • #3 von Der nachdenkliche Mann am 26. August 2016 - 20:27

      Verehrter Don, in Ermangelung anderer Kontaktmöglichkeiten auf diesem Wege:
      Wir, das ist die neu gegründete Hochschulgruppe der European Students for Liberty an der Uni Jena, möchten im Herbst (Ende Oktober/Anfang November) eine Veranstaltung zum Thema NoHateSpeech machen und dabei auch auf die Verstrickungen einschlägiger Bundespolitiker eingehen. Dafür würden wir dich gerne als Redner gewinnen. Bist du für sowas grundsätzlich zu haben?

  3. #4 von Graublau am 7. Dezember 2014 - 18:56

    Der Verweis auf das fehlende Maß – eine wichtige Tugend! – ist ein gelungener Abschluss eines Artikels, der wie ein weiterer über die Prostitutionsdebatte begann und dann auf die Frage eines Gesellschaftsbildes zum Wesen des Radikalfeminismus kam. Toll geschrieben! Über das Maß und was sein Fehlen bedeutet, ließe sich ein eigener Artikel schreiben.

  4. #5 von LoMi am 8. Dezember 2014 - 10:34

    Der Feminismus ist doch sehr inkonsequent. Wenn es ihm um die Prostituierten ginge, müsste der Feminismus schlicht eine Verbesserung der Rechtslage der Sexarbeiterinnen anstreben. Eventuelle Ausbeutung und Misshandlung wird doch vor allem dadurch begünstigt, dass Prostitution im Verborgenen stattfindet, dass sie geschmäht wird, dass man den Damen keinen vollgültigen Berufsstatus zuerkennt usw. Würde man diesen Bereich genauso regeln wie andere Berufe auch, hätten die Frauen auch genug Möglichkeiten, sich zu wehren und sich abzusichern.

    Aber es geht dem Feminismus eigentlich nur um Sex als Schlachtfeld im Kampf der Geschlechter. Prostitution ist schlicht das Sinnbild der These, dass Heterosexualität letztlich nur der Frauenunterdrückung dient. Es gibt also gar kein echtes Sachinteresse. Der Nachdenkliche Mann fragt sich ehrlich nach Möglichkeiten des Umgangs mit dem Thema und versucht es eben sachbezogen. Aber daran hat der Feminismus gar kein Interesse, weil Prostitution maßgeblich eine Symbolfunktion hat. Es ist doch kein Zufall, dass dieses Thema für den Feminismus so prominent ist.

    Wir könnten tatsächlich mal darüber nachdenken, was Prostitution so besonders zu machen scheint im Gegensatz zu anderen Formen, seinen Körper zu verkaufen. Ich verkaufe mit meinem Job z.B. weitgehend meine „Seele“, weil dieser Job abhängt von eigenständigen Beiträgen aus Kopfarbeit. Erfolg und Misserfolg wirken unmittelbar zurück auf die Person, aus deren Überzeugungen diese Beiträge entstehen. Das kann im Ernstfall recht böse enden. Da fehlen die Möglichkeiten zur Distanzierung. Was ist hier der Unterschied zu sexuellen Dienstleistungen? Das ist eine interessante Frage, finde ich.

  5. #6 von maddes8cht am 10. Dezember 2014 - 10:31

    Heute von Geschlechterallerlei hierher verwiesen, fällt mir ein, was ich gestern gelesen habe und das ebenfalls mit der angeblich gewünschten Diversität in Widerspruch steht:
    Beim Thema Zwitter/Hermaphroditen bin ich auf eine Seite gestoßen, die ich grade auf Anhieb nicht wieder finde – bei Bedarf such ich noch mal.
    Bis vor noch gar nicht so langer Zeit wurden solche uneindeutigen Kinder möglichst früh operativ einem Geschlecht „zugewiesen“. Uneindeutigkeit war nicht gewünscht, man wollte eine klare Zuordnung zu einem Geschlecht.
    Das schreckliche Problem dabei, das auch dazu geführt hat, dass man das heute nicht mehr so handhabt, liegt darin, dass die Chance etwa 50:50 ist, damit die Geschlechtsidentität getroffen zu haben, in der sich ein Mensch später selbst „zu Hause“ fühlt. Was die Zwangsoperation im Babyalter zu einem himmelschreienden Unrecht für die Betroffenen macht, das nicht wieder gut zu machen ist.

    In vielerlei Hinsicht sind solche Zwangsoperierten eine klassische Opfergruppe im Sinne des Feminismus. Man könnte also erwarten, dass der Feminismus sich darauf stürzt, um die Rechte solcher Menschen einzuklagen.
    Aber auf einer Website von Betroffenen lese ich, dass diese zwangsoperierten darum kämpfen müssen, überhaupt als intersexuelle anerkannt zu werden.
    Sie sind ja schließlich gar keine zwittter mehr, sie sind ja schließlich operiert.
    Da stand zwar nichts konkret von Feminismus, außer in Bezug auf ein markantes Detail:
    Dass es darum wohl einen Kampf auf Wikipedia gab, den die Beteiligten irgendwann offenbar frustriert geschmissen haben.

    Denn diese Gruppe darf keine Opfergruppe sein.
    Ihr Opferdasein steht ja im Widerspruch zur Gender-Theorie.
    Durch die Operation sind sie einer Geschlechterrolle „zugewiesen“, und die ist bekanntlich nur ein gesellschaftliches Konstrukt. Also haben diese Leute gefälligst kein Problem.

    Wie gesagt, ich bin gestern eher flüchtig da drüber gestolpert – wäre aber mal ein interessantes Thema, wie sich der Feminismus gegenüber diesen Leuten verhält.

  6. #7 von lauterkopf am 18. April 2015 - 21:51

    Lieber, wunderbarer, nachdenklicher Mann. Ich habe bei deinen Zeilen ehrlich gefühlt, dass du mir aus der Seele sprichst. Und immer wenn ich einen nächsten Gedanken hatte: Stand er da als Satz. Ich bin auch sehr hin und her gerissen.

    Der Romantiker will partout nicht, dass es dieses system gibt, denn ich hab schon Exfreunde gedated die mir erzählt haben, dass sie bei Nutten waren und das fand ich nicht so witzig. Von denen, die das nicht erzählen, weil ich es natürlich nicht.

    In Frankfurt sieht man bei der Elbestrasse nicht nur die Drogenjunkies sondern eben auch die ganzen Bordells. Da gehen die schmierigen eckligen Typen hin aber auch die Porschefahrer, mit Kindersitz hinten. Alles selbst gesehen. Wenns um’s betrügen geht hab ich zero tolerance und naja mit ner Hure fänd ich das noch weniger toll. Aber das ist nicht das Hauptproblem.

    Tolerant bin ich ziehmlich außer es geht um Werte. Ich verurteile kein Mädl oder Bub wenn die sich am Wochenende jemand klar machen und auf One-night-stand-suche gehen. Ich finds traurig, aber nicht verurteilenswert. Leben und Leben lassen. Bei Betrug hab ich ne andere Meinung, weil (Leben und leben lassen) man da andere verletzt. Wie Du siehst verschwimmen die Grenzen aus Toleranz und Werten aber schnell. How to proceed?

    Kurzum: Ein Freund von mir hat im Bordell gearbeitet. Ich sag nicht was, aber er hat tiefe Einblicke gehabt. Meine 3 Frauen teilen sich einen Personalausweis, wenn eine verschwindet sind da noch 2. Mal ne Aussage. Ich hab dann gefragt wieviele das freiwillig machen und er meinte von 100 vielleicht 10. Höchstens. 10% ist ne starke Aussage und zeigt, dass Menschenhandel noch immer ein trauriges, aktuelles Thema ist. Und wenns nicht Menschenhandel ist, dann ist es Armut oder Verzweiflung. Denn das, möchte kein kleines Mädchen mal werden, eine Nutte.
    Man könnte sein Mädchen sicher genauso lieben, wenn es akademisch nicht erfolgreich ist und im Rewe an der Kasse ihr Geld verdient. Auch der Wert und der Respekt würden bestehen bleiben. Das wäre bei einer Tochter die Prostituierte wird anders. Klaro, Eltern sollten das nicht bestimmten, nur als Punkt in meinem lauten Kopf.

    Meine Kompromisslösung: Du erkennst richtig, die Extreme sind falsch. Ist ja meistens immer so. Ich habe weniger Probleme mit Call-girls (ich meine das sind die teuren Prostituierten, die unter besonderem „Schutz“ stehen – was immer das heißen mag). Immer noch kein Traumberuf in meinen Augen aber weniger Dubiosität. Und so oder so wäre ich für härtere Kontrollen durch den Staat was die Freiwilligkeit betrifft! Denn wenn eine Frau das machen WILL sollte es ihr Recht sein. In GB wo Prostitution erlaubt ist, wird sie im Zweifel noch illegaler durchgeführt als bei uns, was den Menschenhandel wieder antreibt. Und alles was mit „Swallow for 5€“ ist meiner Meinung nach nicht akzeptabel.

    Also: Erlauben, aber Kontrollen verschärfen.

    PS. Die Männer, die sich nur nach Liebe sehnen tun mir leid. Es gibt aber tatsächlich „Kuschelnutten“. Nicht sexuelles, einfach nur umarmen und kuscheln. FYI

  7. #8 von Adrian am 16. Mai 2015 - 11:21

    „Einerseits bin ich Romantiker, und als solchem gefällt es mir nicht, dass man (und meistens Mann) sich dazu gezwungen sieht, Geld für die Befriedigung von Bedürfnissen bezahlen zu müssen, die man doch eigentlich in gegenseitigem Einvernehmen und zur beiderseitigen Freude gemeinsam ausleben sollte.“

    Zahlen tut Mann für Frauen doch eh immer.

  8. #9 von Adrian am 16. Mai 2015 - 11:26

    Ich will in einer Gesellschaft leben, in der ich meine Sexualität zu Geld machen kann, weil mein Körper mir gehört und niemandem sonst. Ob andere mit diesem Konzept Bauchschmerzen haben ist mir dabei, ehrlich gesagt, scheißegal.

  9. #10 von ClaudiaBerlin (@HumanVoice) am 29. Mai 2015 - 14:27

    Es gibt nicht DEN Feminismus, sondern verschiedene Feministinnen mit sehr unterschiedlichen Meinungen – insbesondere in der Prostitutionsdebatte ist das doch schier unübersehbar!
    Warum wird also immer wieder von DEM FEMINISMUS und seinen „Widersprüchen“ geredet? Es hat schon immer verschiedene Strömungen und Interpretationen gegeben, genau wie es in den Volksparteien, in den Gewerkschaften und unter jenen, die sich LINKS einordnen, sehr sehr unterschiedliche Meinungen gibt!

    • #11 von Der nachdenkliche Mann am 29. Mai 2015 - 20:04

      Der Einwand ist natürlich nicht unberechtigt. Wenn Sie aber sagen, den Feminismus gäbe es nicht, weil es unterschiedliche feministische Strömungen gibt, und die Analogie zu Parteien und Gewerkschaften aufmachen – in denen es zweifelsohne ebenfalls verschiedene Strömungen gibt – müssten Sie ja konsequenterweise behaupten, dass es auch keine Volksparteien und keine Gewerkschaften gäbe. Das ist natürlich Unfug.
      Ich würde ihnen eine andere Analogie nahelegen, denn anders als Parteien und Gewerkschaften ist der Feminismus ja keine eingetragene Institution mit Regional- und Ortsgliederungen, Mitgliedsbeiträgen und Vorstandswahlen. Ich würde ihn eher mit anderen Denkschulen vergleichen: Liberalismus, Konservatismus, Sozialismus, Anarchismus, Konfuzianismus, Daoismus usf.
      Doch auch von denen würde niemand behaupten, sie würden nicht existieren, wenngleich jedem klar ist, dass es auch dort diverse Untergruppierungen gibt, die sich mitunter sogar bis auf’s Blut bekämpfen (v.a. beim Sozialismus).

      Gleichwohl haben alle Untergruppierungen Gemeinsamkeiten, die auf jeden Fall rechtfertigen, verallgemeinernd vom X-ismus zu sprechen. Gewissermaßen einen kleinsten gemeinsamen Nenner.
      Beim Liberalismus ist das die Überzeugung, dass jedes Individuum selbst am besten weiß, was gut für es ist und die Freiheit haben sollte, das solange zu verfolgen, wie es nicht die Freiheit der anderen Individuen einschränkt; Beim Konservatismus ist das die Überzeugung, dass die Welt, so wie sie ist, gut ist und Veränderungen, wenn überhaupt, nur sehr vorsichtig erfolgen sollten; Beim Sozialismus ist das die Überzeugung, dass die Welt ungerechterweise in die Klassen der Herrschenden und der Beherrschten aufgeteilt sei und dieser Zustand zu überwinden ist; Beim Anarchismus ist das die Überzeugung, dass jede Art von Ordnung und Hierarchie schlecht für die Menschen sei; Beim Konfuzianismus ist das die Überzeugung, dass Ordnung und Harmonie die wichtigste Voraussetzung für die Wohlfahrt der Menschen seien; Beim Daoismus ist das die Überzeugung, dass jedwedes Handeln zum Verderben führt; Und beim Feminismus ist es eben die Überzeugung, dass die Welt in Männer und Frauen unterteilt ist, dass diese Unterteilung mit gewissen Zuschreibungen und darauf aufbauend ungerechten Machtverteilungen einhergeht und dass mindestens letztere (also die Machtverteilungen), i.d.R. aber auch das zweite (die Zuschreibungen) und teilweise auch das erste (die Unterteilung) zu überwinden sei.
      Dieser Überbau ist das, was allen Theoretikern der jeweiligen Schule im Großen und Ganzen gemein ist; Wenn man so will, ist das die Brille, durch die sie schauen. Natürlich schützt diese Brille nicht davor, einzelne Aspekte unterschiedlich zu beurteilen – Beispiel Prostitution, die einerseits als Unterdrückungsinstrument, andererseits als Selbstbefreiung gesehen werden kann – aber damit zu behaupten, dass die gemeinsame Brille nicht existieren würde, halte ich, mit Verlaub, für Unsinn. Und es dürfte auch eine extreme Außenseiterposition sein, findet man doch in jeder modernen Enzyklopädie einen umfangreichen Eintrag zum Feminismus. Warum, wenn dieser so gar nicht existiert?

      Mein Eindruck ist eher, dass der Versuch, den Feminismus als nicht existent zu bezeichnen, wohlfeil ist. Er wird jedes Mal dann angeführt, wenn irgendjemand irgendetwas daran kritisiert. Die Motivation dafür ist offensichtlich: Was nicht existiert, kann auch nicht angegriffen werden. Es steckt zwar etwas Wahrheit darin, aber es steckt mindestens ebensoviel politische Rhetorik darin.

  10. #12 von gleichheitunddifferenz am 17. Dezember 2015 - 1:25

    Also die Feministinnen, die gerne als „Genderfeministinnen“ bezeichnet werden, sprich die jüngeren, setzen sich doch eigentlich sehr für eine Legalisierung der Prostitution ein. Und zwar so sehr, dass ich es teils übertrieben finde, weil negative Aspekte gar nicht mehr gesehen werden.

    • #13 von Leszek am 11. Februar 2016 - 21:55

      Hi nachdenklicher Mann.
      Ich hoffe, du nimmst mir nicht übel, dass ich Folgendes nicht so stehen lassen möchte:

      „Gleichwohl haben alle Untergruppierungen Gemeinsamkeiten, die auf jeden Fall rechtfertigen, verallgemeinernd vom X-ismus zu sprechen. Gewissermaßen einen kleinsten gemeinsamen Nenner. (…)
      Beim Anarchismus ist das die Überzeugung, dass jede Art von Ordnung und Hierarchie schlecht für die Menschen sei;“

      Mal abgesehen davon, dass die Hauptströmungen des Anarchismus auch dem Sozialismus zuzuordnen sind – daher auch die Alternativbezeichnung libertärer Sozialismus – kann ich dir als Anarchist versichern, dass es keine einzige anarchistische Strömung und keinen einzigen anarchistischen Theoretiker gibt, die die Ansicht vertreten hätten oder vertreten würden, dass „jede Art von Ordnung“ schlecht für Menschen sei.

      Anarchie wird von Anarchisten verstanden als Ordnung ohne Herrschaft, manche anarchistische Denker sprachen von Anarchie als der höchsten Form der Ordnung.
      Das Anarchie-Symbol des A in einem Kreis soll einer – allerdings schwer zu belegenden Hypothese zufolge – übrigens seinen Ursprung in einer symbolischen Verkürzung des Satzes „Anarchie ist die höchste Form der Ordnung“ haben, der Kreis wäre in dieser Interpretation als O (für Ordnung) zu lesen.
      Gesellschaftliche Unordnung, also soziales Chaos, wird von Anarchisten als „Tyrannei der Strukturlosigkeit “ bezeichnet und abgelehnt – neben der gesellschaftlichen Dysfunktionalität schon allein deshalb, weil Unordnung und Chaos ein Nährboden für die Herausbildung von Herrschaft und Gewalt sind.

      Anarchisten sind aber auch nicht der Ansicht, dass „jede Art von Hierarchie“ schlecht für Menschen sei, wir lehnen z.B. nicht jegliche Wertehierarchien ab. Traditionelle Anarchisten sind moralische Universalisten keine Moralrelativisten, daher gibt es für uns durchaus wünschenswerte Wertehierarchien.

      Diejenigen Formen von Hierarchie, die wir ablehnen bzw. so weit wie realistisch möglich abbauen wollen, sind soziale Herrschaftshierarchien – diese lehnen wir in der Tat ab und streben an sie durch gleichberechtigte und basisdemokratische Beziehungs- und Organisationsformen zu ersetzen.
      (Die anarchistische Ablehnung von Herrschaftshierarchien bedeutet allerdings auch wieder nicht, dass ein Leben völlig ohne soziale oder rechtliche Zwänge möglich oder wünschenswert sei.)

      • #14 von Der nachdenkliche Mann am 12. Februar 2016 - 1:00

        Danke für deinen Kommentar! Nein, natürlich nehme ich die Anmerkungen nicht übel, wieso sollte ich? Ich reklamiere nicht für mich, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, und in der Tat gehört der Anarchismus zu den Ideologien, die mir immer irgendwie suspekt geblieben sind, die ich nie so richtig verstanden habe. Gleichwohl denke ich, dass die Unterschiede zwischen dem, was ich schrieb, und deinen Aussagen eher semantischer Natur sind.

        Wo ich Ordnung sage, habe ich eher die Ordnung durch etwas, als die Ordnung in etwas vor Augen. Du würdest mir wahrscheinlich zustimmen, wenn ich sage, dass der Anarchismus die Ordnung durch eine in irgendeiner Form übergeordnete soziale Instanz ablehnt – anders als der Sozialismus, dessen Ideengeschichte selbst totalitäre Formen der Ordnung von Gesellschaft kennt.
        Dass sich aber auch in einem Zustand, der nicht durch eine ordnende menschliche Hand gekennzeichnet ist, irgendeine naturwüchsige Form von Ordnung einstellt, halte ich für trivial. Dem widerspreche ich natürlich nicht. Und das würde ich auch dem Anarchismus nicht unterstellen.

        Auch dein Hinweis auf die Hierarchien ist natürlich korrekt. Aber natürlich hatte ich bei meiner Aussage auch ausschließlich soziale Hierarchien vor Auge, insofern in der Tat nicht „jegliche“, das hatte ich in diesem Kontext einfach mal vorausgesetzt.

  1. Worum geht es Feministen eigentlich? Beispiel Prostitution. | Meinungen und Deinungen
  2. Fundstück: Achdomina und die gesittete Auseinandersetzung | Geschlechterallerlei
  3. Frauen vs Feminismus – Wie kann das denn sein? | Der nachdenkliche Mann

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