Archiv für April 2015

Frauen vs Feminismus – Wie kann das denn sein?

Die Huffington Post veröffentlichte einen Beitrag der Heilpädagogin Corinna Knauff (auch auf ihrem Blog nachzulesen), in dem diese die Frage aufwirft, warum sich heute (in ihrer Wahrnehmung) so viele Frauen kritisch mit „dem Feminismus“ auseinandersetzen (Stichwort: Women against Feminism). Ihre These lautet in etwa, dass es sich dabei um eine psychologische Auseinandersetzung der Tochter- mit der Muttergeneration handele. Erstere versuche sich von der zweiteren abzugrenzen, indem sie deren feministische Konzepte ablehnt. Damit gehe eine Anbiederung an Männer einher, das „Feindbild Mann“ wird aus taktischen Zwecken abgelehnt. Ihr zufolge schadeten sie sich damit aber selbst, denn der gesellschaftliche „Feind“ sei eben nicht die Mutter, sondern der Mann.

Die Frage ist natürlich absolut berechtigt: Wieso wenden sich Frauen gegen eine Bewegung, die doch für sie da ist? Auch die These als solche finde ich durchaus interessant, sie hat mich zum Nachdenken angeregt (und zum ersten Blogeintrag seit Dezember: Chapeau!). Schlussendlich komme ich aber zu einem ganz anderen Schluss.

Ich bin psychologisch bewandert genug, um zu wissen: Klar, die Auseinandersetzung mit den eigenen Eltern ist eine der treibenden Kräfte, insbesondere in den Jahren zwischen 20 und 30, und um die geht es ja hier vorwiegend. Insofern schließe ich nicht aus, dass das eine Rolle spielt. Ich denke aber, dass das eher eine Nebenrolle sein dürfte. Warum?

Kurz gesagt: Ich glaube, dass viele junge Frauen den Feminismus eben nicht als eine Bewegung wahrnehmen, die für sie da ist. Und schon gar nicht als eine, die für Gerechtigkeit eintritt. Diese Einschätzung kann auf Knauff nur befremdlich wirken, denn sie scheint mir vom Feminismus der Zweiten Welle auszugehen. Dabei übersieht sie, dass sich die jungen Feminismuskritikerinnen in ihrer Kritik überhaupt nicht auf diesen Feminismus beziehen.

Der Feminismus der Mütter war der Feminismus der Zweiten Welle. Dessen Errungenschaften sind heute eigentlich weitgehend anerkannt, ja sind zur Selbstverständlichkeit geworden. Niemand würde das ernsthaft hinterfragen, auch die Töchter nicht. Ja, sicher, es gibt auch heute noch Kritik am Feminismus einer Alice Schwarzer. Aber doch eher deswegen, weil sie nach wie vor radikaler ist als der Mainstream der 1970er Jahre und auf junge Leute eher wie ein Relikt aus diesen Tagen wirkt. Daran arbeitet sich doch niemand ernsthaft ab. Wenn Carolin Kebekus findet, das Wort Feministin würde „ungebumst“ klingen, dann bezieht sie sich damit auf diese Richtung. Aber das lässt sich kaum als ernsthafte kritische Auseinandersetzung bezeichnen.

Womit sich die jungen Feminismuskritikerinnen – und auch ich – auseinandersetzen, das ist nicht der Feminismus der Mütter, sondern der gegenwärtig vorherrschende Feminimsus der Dritten Welle. Mit dem setzen sich ja auch einige Feministinnen der Zweiten Welle durchaus kritisch auseinander (ich denke da z.B. an eine Cathy Young oder eine Christina Hoff Sommers). Auf viele Menschen, egal ob nun Frauen oder Männer, Töchter oder Mütter, Söhne oder Väter, wirkt der eher wie eine tendenziell totalitäre Ideologie als wie eine Bewegung zur Gleichberechtigung. Auch meine eigene – eigentlich durchaus feministische – Mutter hat sich von diesem Feminismus abgewandt, weil er ihr zu weltfremd und zu radikal ist. Das lässt sich also nicht als Generationenkonflikt lesen, schließlich ist meine Mutter nicht ihre eigene Tochter (gleiches gilt für Young, Hoff Sommers usf.).

Die Errungenschaften der Zweiten Welle sind uns Nachgeborenen so selbstverständlich, dass wir sie gar nicht wahrnehmen. Wir können sie nur noch historisch nachvollziehen, so wie wir den Kampf um Demokratie und Wahlrecht historisch nachvollziehen können, emotionslos, als historische Tatsache. Die Kämpfe der Mütter sind nicht die Kämpfe der heutigen jungen Frauen, die Zeiten haben sich geändert. Das beachtet Knauff nicht, wenn sie diese Auseinandersetzung als Generationenkonflikt versteht. Die heute jungen Frauen haben ihren eigenen Kampf, und das ist der Abwehrkampf gegen den radikalen Genderfeminismus der Dritten Welle, nicht der gegen den Mütter-Feminismus der Zweiten Welle. Es geht darum, die Errungenschaften der Mütter zu bewahren und vor diesem Hintergrund Gleichberechtigung herzustellen, nicht darum, sich mit dem Feinde einzulassen. Denn der Feind kann und soll in einer gleichberechtigten Gesellschaft kein Feind mehr sein, sondern gleichberechtigter Partner. Die Voraussetzungen dafür haben die Mütter geschaffen. Knauff unterschätzt diesen Erfolg, sie sieht ihr Geschlecht noch immer in einem Kampf, den es tatsächlich längst gewonnen hat. Die Mütter haben das Ziel weitgehend erreicht. Den Frauen stehen heute alle Türen offen. Das heißt natürlich nicht, dass sie auch durch alle Türen gehen können, und das scheint mir der springende Punkt zu sein.

Die Feminismuskritikerinnen haben erkannt, dass sie zwar durch jede Tür gehen können, aber eine Entscheidung für die eine Tür immer auch eine Entscheidung gegen eine andere ist. Es ist ohne weiteres möglich, Karriere zu machen, viel Geld zu verdienen usw. Die Belege sind klar, Frauen unter 30 ohne Kinder verdienen durchschnittlich mehr als Männer unter 30, und von den unter 30-jährigen sprechen wir ja hier.
Will ich aber Kinder, dann ist das eine andere Tür, und dann schließt sich die Karrieretür – dann ist eine bruchlose Erwerbskarriere kaum mehr möglich. Was der heutige Feminismus versucht, ist, den Frauen zu ermöglichen, gleichzeitig durch entgegengesetzte Türen zu gehen. Dieser Versuch ist zum Scheitern verurteilt.

Das Problem haben Männer so nicht. Aber sie haben dafür ein anderes Problem, das Frauen wiederum nicht haben. Ich persönlich wäre sehr dafür, das Patriarchat abzuschaffen, denn ich würde liebend gerne sagen: Ich brauche kein großes Einkommen. Ich würde gerne eine akademische Karriere einschlagen, eine hoch prekäre Angelegenheit. Bis 40 lässt sich da mit Stipendien und Lehraufträgen mal gerade genug Geld zum eigenen Überleben verdienen. Immer mit befristeten Verträgen und dem ständigen Risiko, nicht verlängert zu werden. Und dem Risiko des Karriereendes, bevor diese überhaupt so richtig angefangen hat.

Das kann ich auch so machen. Das Problem ist nur: Damit würde sich für mich auch eine Tür schließen. Familie wäre dann kaum drin, denn von mir als Mann wird erwartet, dass ich mich im Beruf reinhaue und genug Geld erwirtschafte, um die auch zu finanzieren. Familie ist ja ‘ne kostspielige Angelegenheit. Für Männer heißt es also auch: Entweder oder. Entweder den Geldjob plus Familie oder Selbstverwirklichung ohne Familie. Eine Frau zu finden, die sagt: Mach ruhig, ich verdiene genug für uns und gehe auch gerne direkt nach der Geburt wieder arbeiten, ist wie ein Sechser im Lotto. Habe ich noch nicht kennengelernt.

Also heißt es: Scheiß drauf, suche ich mir halt einen besser bezahlten aber uninteressanteren Job, Familie ist mir wichtiger.

So ist das Leben. Man muss sich entscheiden, es geht nicht alles auf einmal. Das gilt für Männer genau so wie für Frauen. Wer aber immer noch mit der ollen Kamelle vom “Patriarchat” daherkommt und alles Übel bei den Männern sucht, der macht es sich doch sehr einfach und weigert sich, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Und ich habe den Eindruck, das sehen die beschriebenen jungen Frauen so. Die haben erkannt, dass sie zwar alles, aber nicht jedes haben können und dass das auch nicht ungerecht, sondern ein ganz natürliches Problem ist, das alle Menschen haben.

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