Archiv für Februar 2016

Perspektiven auf Geschlecht und Gender – Teil 1: Politische Weltanschauungen

Wir Menschen haben die Angewohnheit, die Welt durch eine bestimmte Brille zu sehen. Normalerweise sind wir uns dieser Brille nicht bewusst. Und wir sind uns nicht bewusst, dass es auch andere Brillen gibt. Wir sind quasi mit unserer Brille verwachsen. Deshalb verstehen wir nicht, warum andere Menschen die Welt anders sehen als wir. Und weil alle Menschen egozentrisch sind, interessiert es uns normalerweise auch nicht besonders. Wir denken vielleicht: „Naja, die anderen haben halt andere Erfahrungen gemacht“, und geben uns damit zufrieden. Das ist natürlich eine zutreffende, aber bei weitem nicht hinreichende Erklärung.

Jeder scheinbar unlösbare Konflikt entsteht aus diesem Unverständnis für und dem Desinteresse an den Hintergründen für die Sichtweise des jeweils anderen. Das gilt für den Nahostkonflikt genau so wie für die aktuelle Flüchtlingsdebatte. Wir haben unsere eigene Sichtweise und umgeben uns mit Menschen, die diese Sichtweise teilen, und bestätigen uns dann gegenseitig. Wenn wir nicht aufpassen, kommen wir schnell an einen Punkt, an dem wir unsere Sichtweie für die „richtige“ und die der anderen für die „falsche“ halten. An beiden Beispielen lässt sich das wunderbar nachverfolgen, und es lässt sich auf jedes beliebige andere anwenden. Und es wird klar, wie aus unterschiedlichen Sichtweisen ein scheinbar unlösbarer Konflikt wird. Die Positionen verhärten sich, der jeweils andere wird von einem Andersdenkenden zum politischen „Feind“. Konstruktiver Dialog und Problemlösung werden unmöglich. Das ist gerade wunderbar daran zu erkennen, wie sich SPD und Bündnis 90/Die Grünen gegenüber der AfD verhalten: Die Ministerpräsidenten Malu Dreyer und Winfried Kretschmann verweigerten zunächst, an TV-Debatten vor den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg teilzunehmen, wenn auch diese teilnähme. Mittlerweile haben Sie sich dem öffentlichen Druck zwar gebeugt, aber wenn es nach ihnen ginge, dürfte es keinen Dialog geben. Dadurch verschärft sich die Problematik, der Dissens über ein Thema führt zur gesellschaftlichen Spaltung. Und das allein deswegen, weil sich die Konfliktparteien nicht bewusst sind, dass sie die Welt durch eine bestimmte Brille sehen.

Wären sie sich dessen bewusst, dann wüssten sie, dass die Unterschiede nicht daher kommen, dass sie klug und die anderen dumm, dass sie aufgeklärt und die anderen rückständig bzw. naiv, kurz: dass sie gut und die anderen böse sind. Sondern dann wüssten sie, dass die anderen ganz einfach eine andere Brille aufhaben.

Was ich als Brille bezeichnet habe, könnte man auch als Weltanschauung, Menschenbild oder Theorie bezeichnen. Die Zahl der möglichen Brillen ist im Grundsatz recht überschaubar und ihre jeweiligen Stärken und Schwächen lassen sich auch recht gut beschreiben. Jede Brille besteht aus einer Kombination von zwei Filtern. Der erste Filter legt fest, ob ich die Welt individualistisch oder kollektivistisch sehe, der zweite, ob ich sie optimistisch oder pessimistisch sehe. Individualistisch heißt, den Menschen vor allem als eingenständige und eigenverantwortliche Person zu sehen, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Religion, Sexualität etc., sondern ihn über seine Handlungen zu beurteilen. Das nennt man auch das meritokratische Prinzip. Kollektivistisch heißt, den Menschen über seine sozialen Zusammenhänge zu begreifen: als kulturell geprägtes Wesen, das durch seine Merkmale bestimmten Gruppen angehört und durch diese Gruppenzugehörigkeit spezifische Erfahrungen macht. Optimistisch heißt, der Zukunft aufgeschlossen gegenüberzustehen und zu erwarten, dass es tendenziell immer besser wird. Pessimistisch heißt, der Zukunft skeptisch gegenüber zu sein und in Veränderungen vor allem die Risiken zu erkennen. Daraus ergeben sich vier Kombinationen.

  1. Kollektivistisch/Optimistisch – Das ist die sozialistische Variante. Jeder Mensch ist Teil einer bestimmten sozialen Klasse und sein Leben wird durch diese Klassenzugehörigkeit geprägt. Herkömmlicherweise unterscheidet man diese Klassen nach ihrem ökonomischen Stand, mittlerweile sind aber weitere Facetten dazugekommen: Auch Frauen und Männer, Heterosexuelle und LGBT-Personen, Schwarze und Weiße, Muttersprachler und Einwanderer und so ziemlich jedes andere Merkmal kann konstituierend für eine Klasse sein. Entscheidend ist dabei der Machtaspekt: Die Klassen haben eine hierarchische Ordnung, sie sind entweder privilegiert oder benachteiligt. Daher müssen Angehörige benachteiligter Gruppen mit Sonderrechten ausgestattet werden, um das Fernziel, die Überwindung der Klassenunterschiede, zu erreichen. Slogan: „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs‘ noch Esel auf!“
  2. Kollektivistisch/Pessimistisch – Würde man gemeinhin als konservativ bezeichnen, ich schlage aber eine Differenzierung vor. Das konservative Spektrum ist riesig, es reicht von Leuten, die erst einmal die Erahrungsberichte lesen, bevor sie sich ein neues Smartphone zulegen, bis hin zu den Amish-People, die jedes industrielle Erzeugnis ablehnen. Dieses Weltbild hier würde ich als reaktionär bezeichnen. Es geht davon aus, dass Menschen grundlegend verschieden sind und sich über die Zugehörigkeit zu Ethnien und Nationen, Religionen und Geschlechtern bestimmen, dass diese Unterschiede natürlich und richtig sind – in der religiösen Variante: gottgewollt – und dass das Zusammenleben der verschiedenen Gruppen Schwierigkeiten mit sich bringt, die sich kaum überwinden lassen und sieht die Lösung deshalb in größtmöglicher Homogenität. Veränderungen schaffen zunächst einmal Unordnung und stören die Homogenität, daher werden sie grundsätzlich abgelehnt. Eine eigene Agenda gibt es aber nicht; Dieses Weltbild reagiert nur auf Veränderungen, daher ist es reaktionär. Slogan: „Multikulti ist gescheitert!“
  3. Individualistisch/Optimistisch – Idealtypischer Liberalismus. Dieses Weltbild stimmt dem vorherigen in der Analyse zu, dass Menschen traditionellerweise über ihre Gruppenzugehörigkeit bestimmt wurden. Es sieht das aber weder als natürlich noch als richtig an, sondern als Zwangslage, aus der es das Individuum zu befreien sucht. Es tritt für die Abschaffung von gesetzlichen Benachteiligungen ein, setzt bei wirtschaftlichen und sozialen Ungleichheiten aber auf die Eigenverantwortung und den Gestaltungswillen des Individuums. Es glaubt, dass gesetzliche Regelungen diese nur beschneiden und damit zu neuen Zwängen führen würden. Slogan: „Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht!“
  4. Individualistisch/Pessimistisch – Auch dieses Weltbild ist konservativ, aber auf eine ganz andere Weise. Es ist das Weltbild der Romantiker. Sein Subjekt ist das Individuum, das zu seiner Umwelt in Relation steht. Es ist aber mit der ständigen Furcht verbunden, dass das Individuum von seiner Umwelt entwurzelt und zu einem namen- und eigenschaftslosen Mitglied der Massengesellschaft wird. In Veränderungen sieht es die Gefahr, dass das Individuelle verloren geht. Insofern ist es fortschrittsskeptisch. Es will aber nicht zurück zu einer imaginierten heilen Welt, sondern sucht seine Freiheit in der Abgrenzung zum Mainstream. Diese erfolgt aber weniger inhaltlich als strukturell; Sie kritisiert ihn nicht für das, was ihn (inhaltlich) ausmacht, sondern dafür, dass er Mainstream ist. Abgesehen davon fällt eine politische Verortung schwer. Ich muss dabei die ganze Zeit an das Gemälde „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrich denken, das zwar in der Zeit der Industrialisierung und Vermassung der Gesellschaft entstand, sich mit dieser aber gar nicht inhaltlich-kritisch auseinandersetzt, sondern die individuelle Naturerfahrung betont und damit sehnsüchtig eine vollkommen unzeitgemäße Lebensweise aufzeigt. Slogan: „Ich bin dann mal weg!“

An dieser Stelle ist eines wichtig: Es gibt keine perfekte Brille. Es gibt keine Brille, mit der wir die Welt genau so erkennen können, wie sie ist. Stattdessen können wir mit jeder Brille unterschiediche Facetten erkennen, während andere unsichtbar werden. Die Lösung für die Probleme ist nicht, gar keine Brille zu tragen. Dann erkennt man gar nichts – und ich bezweifle auch, dass es möglich ist. Die Lösung liegt darin, sich seiner Brille stets bewusst und in der Lage zu sein, auch einmal eine andere Brille aufzusetzen.

Mit dieser Vorbemerkung geht es demnächst weiter mit Teil 2: Warum Maskulismus entweder links oder rechts ist – und warum beides keine Lösung ist.

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