Archiv für April 2016

Die Gerechtigkeit und ihre heimlichen Feinde

Irgendwann war da dieser Moment, in dem mein Glaube erloschen war. Der Glaube daran, dass der Feminismus wirklich die Gleichberechtigung der Geschlechter will. Oder andersherum: Der Glaube daran, dass diejenigen, die sich heute als Feministinnen ausgeben, wirklich Feministinnen sind.

Prolog

Ich stamme aus einer ziemlich einfachen Familie. Meine männlichen Vorfahren waren zum Beispiel Kraftfahrer, Bahnarbeiter, Stellmacher oder Bergmänner, die weiblichen meist Hausfrauen, oft mit einem Nebenverdienst als Kellnerin, Näherin oder Erntehelferin, weil das Geld sonst einfach nicht gereicht hätte. Und zu einem gewissen Grad waren sie bis weit in die Nachkriegszeit hinein alle Selbstversorger: mit einem Obst- und Gemüsegarten und einem Stall mit ein paar Hühnern und einem Schwein. Die klassische Klientel der SPD also.

Und soweit ich weiß, waren sie nie besonders politisch, haben aber alle immer SPD gewählt. Denn die stand ja für die kleinen Leute ein. Bis dann irgendwann die Grünen kamen, die auch hin und wieder mal eine Stimme aus meiner Familie bekommen haben dürften. Und so wurden auch mir von kleinauf sozialdemokratische Werte vermittelt. Gerechtigkeit spielte eine große Rolle. Das war keine komplizierte, hochtrabende Philosophie, sondern intuitiv verständlich und universell anwendbar. Dazu gehörten so Gedanken wie: Die Menschen sind verschieden, aber sie sind alle gleich viel wert. Behandle Frauen mit dem gleichen Respekt, mit dem du auch Männer behandelst. Schließe nicht vom Aussehen eines Menschen auf seinen Charakter. Mach dich nicht über schwächere lustig. Lass andere ausreden. Stell dich hinten an; und so weiter und so fort. Im Grunde lässt sich das mit dem einfachen Satz, „Was du nicht willst, das man dir tu‘, das füg‘ auch keinem ander’n zu“, zusammenfassen. Das ist so simpel, dass man es im Grunde auch als gesunden Menschenverstand bezeichnen kann. Und der wurde nicht mit abstrakten Vorträgen erklärt, sondern der wurde vorgelebt. Und weil das alles so eine schöne Einheit bildete, wuchs ich auch in dem Verständnis auf, dass dieser gesunde Menschenverstand und die SPD zusammengehören (und das taten sie ja lange Zeit auch). Und deswegen verstand ich mich natürlich auch als Sozialdemokraten.

Und als ich dann anfing zu studieren, schaute ich natürlich auch mal bei der örtlichen Hochschulgruppe der Jusos vorbei. Einmal. Danach nie wieder. Und fortan entfremdete ich mich immer weiter von der SPD und vom linken politischen Denken im Allgemeinen. Ich hatte den Eindruck, dass mein Gefühl für Gerechtigkeit, das, wovon ich dachte, dass es doch eigentlich so selbstverständlich, einfach zu befolgen und universell gültig sei, dort nicht mehr zu Hause ist. Stattdessen wurden andere, unsichtbare soziale Regeln befolgt, es wurden komplizierte Theoreme gewälzt, die am Ende doch alle nur darauf hinausliefen, zu begründen, warum es gerade nicht gerecht ist, alle gleich zu behandeln, sondern warum manche Tiere eben gleicher sind als andere, um es mit Orwell zu sagen.

Nun bin ich ein neugieriger und selbstkritischer Mensch. Deshalb wollte ich diese Theoreme verstehen, weil ich auch dachte: Na vielleicht ist ja etwas dran, und ich habe es nur nicht verstanden. Und so studierte ich nun acht Jahre lang an diesen Konzepten herum. Und ich verstehe sie mittlerweile sogar. Allein: Ich halte sie für den gleichen Unsinn, für die ich sie am Anfang gehalten habe. Und eine große Rolle spielten dabei zeitgenössische feministische Konzepte.

Beispiel

Neulich sah ich auf Facebook die Statusmeldung einer jungen Frau. Die ging so:

Beim Zahnarzt. Männlicher Patient beim Verlassen des Behandlungsraumes zur Zahnarzthelferin: „Ich komme ja eigentlich nur wegen der schönen Frau her.“ Man reiche mir eine Kotztüte.

Jemand machte den Fehler, zu bezweifeln, dass es sich dabei um eine Schilderung von furchtbarem Sexismus handelte, woraufhin ein Shitstorm über ihn hereinbrach. So hieß es von der Dame unter anderem:

Ah, verstehe. Mann weiß eben besser, wie Frau sich fühlt. #mansplaining sei dank!

Diese Ansicht ist ja im zeitgenössischen Feminismus, vor allem dem Netzfeminismus, ziemlich weit verbreitet: Ein Mann habe gefälligst bei allem was er tut und sagt erstmal abzuwägen, wie sich an- und abwesende Frauen damit fühlen könnten und es dann gegebenenfalls zu unterlassen. Darum geht es hier. „Buhuuu, dieser Mann hat etwas gesagt, was mir nicht gefällt und meine Gefühle waren ihm dabei vollkommen egal!“ Und dann geht Frau online und beklagt sich darüber bei ihren Peers. Eine ziemlich passiv-aggressive Vorgehensweise, hätte sie doch einfach betreffenden Mann darauf ansprechen können, dass ihr sein Spruch missfällt. Nein, das ganze Internet soll wissen, dass es da draußen böse Menschen (Männer!) gibt, die etwas sagen, ohne dabei an ihre Gefühle zu denken!

Aber an irgendwas erinnert mich das doch… Ja, richtig! Dieses uralte Cliché, demzufolge Frauen so emotional seien, dass Männer ständig Rücksicht auf ihre Gefühle nehmen müssten, und dass sie deswegen politisch und wirtschaftlich zu nichts zu gebrauchen seien! Gottseidank gab es ja die Frauenrechtlerinnen der ersten und zweiten Welle des Feminismus, die mit diesem Cliché aufgeräumt haben. Deswegen haben Frauen heute das Wahlrecht, sitzen im Parlament, werden Ministerin und Bundeskanzlerin, gehen arbeiten und werden Chef. Ist doch eigentlich erledigt, oder? An dieses Cliché glaubt doch heute kein Mensch mehr, oder?

Und nun kommt da eine Gruppe von Frauen, Feministinnen gar, die genau das einfordern: Dass Mann doch bittegefälligst bei allem und jedem Rücksicht auf ihre Gefühle zu nehmen hat! Hatten Feministinnen nicht einmal dafür gekämpft, genau diesen Blödsinn zu überwinden?

Das gleiche Prinzip lässt sich übrigens auch bei anderen zeitgenössischen feministischen Konzepten beobachten. Die unsägliche HeForShe-Kampagne der UNO zum Beispiel, beruft sich auf das uralte Cliché vom edlen Ritter in schimmernder Rüstung, der heraneilt um sein genauso holdes wie hilfloses Weib aus den Fängen des bösen Drachen zu erretten. Anders als Feministinnen früherer Generationen meinen heutige nämlich nicht, dass sie keinen Mann zum Leben brauchen. Sie glauben, dass sie eine Sonderbehandlung brauchen – und verdienen! Woher dieser plötzliche Sinneswandel?

Analyse

Gehen wir mal naiv da ran und sagen: Feminismus ist ja definiert als eine Bewegung zur Gleichberechtigung und Gleichstellung der Geschlechter. Als solche ist sie ja durchaus mit meinem Gerechtigkeitsgefühl vereinbar. Und Gleichberechtigung heißt – nun ja, eben, dass alle gleich behandelt werden. Wenn der Feminismus also fordert, dass Männer bei allem und jedem Rücksicht auf die Gefühle von Frauen nehmen müssten, dann muss er also das gleiche auch von den Frauen gegenüber den Männern einfordern. Gibt es diese Forderung im Feminismus? Nein, die gibt es nicht. Das lässt jetzt zwei Schlüsse zu: Entweder der Feminismus will gar nicht die Gleichberechtigung der Geschlechter, oder das ist kein Feminismus.

Gleichwohl wird diese Forderung ja als eine feministische Forderung geframed. Dem trage ich dadurch Rechnung, dass ich vom zeitgenössischen Feminismus spreche. Und diesem geht es eben, so habe ich ja gerade gezeigt, nicht um die Gleichbehandlung der Geschlechter, sondern um eine Unterschiedlichbehandlung. Warum sollen Männer auf weibliche Gefühle Rücksicht nehmen, umgekehrt aber nicht? Weil weibliche Gefühle wichtig und wertvoll sind. (Über männliche Gefühle wird dabei nichts gesagt – sie spielen also keine Rolle, sind weniger wichtig, wenn überhaupt.) Wenn aber die Gefühle einer Gruppe wichtiger sind als die einer anderen, dann handelt es sich um eine Überlegenheitsideologie.

Damit ergeben sich natürlich erhebliche Legitimationsprobleme. Denn die gesamte Akzeptanz, die der Feminismus genießt, beruht ja auf seinem Image als einer Bewegung für Gleichberechtigung. Also muss er sich dieses Image unbedingt bewahren. Und das geschieht mit einem cleveren Trick: Man stellt sich als unterdrückte Minderheit da, die eine Sonderbehandlung braucht. Nur damit kann man überhaupt irgendwie begründen, einen Menschen anders zu behandeln als einen anderen. Das Vehikel mit dem das geschieht ist – Trommelwirbel! – die Theorie vom Patriarchat. Mit all ihren Prämissen, Hypothesen und Schlussfolgerungen. Das Patriachat, so wie es in der feministischen Literatur definiert wird, ist eine unsichtbare, mit wenigen, kleinen Ausnahmen weltumspannende Herrschaftsstruktur, die alle Männer bevorteilt und alle Frauen unterdrückt. Einen empirischen Beleg für diese Theorie gibt’s natürlich nicht; Kann es auch gar nicht geben, weil sie nicht falsifizierbar ist und alle Widersprüche so umgedeutet werden, dass sie dann doch wieder irgendwie ins Konzept passen. Und sowas nennt man eine Verschwörungstheorie.

Verschwörungstheorien sind beliebt, wenn es darum geht, die Ungleichbehandlung von Menschen zu legitimieren. Damit lassen sich der gesunde Menschenverstand und sogar Gesetze außer Kraft setzen. Die Nazis haben das gemacht, mit ihrer Theorie von der jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung. Die Sowjets haben das gemacht, mit ihrer Furcht vor der Konterrevolution. Die Amis haben das gemacht, mit ihrer Paranoia vor der kommunistischen Unterwanderung. Alles unbelegbare Verschwörungstheorien, mit denen die Grundrechte von Menschen auf eine gerechte Behandlung außer Kraft gesetzt wurden.

Fazit und Call to Action

Der Punkt, auf den ich hinausmöchte, ist folgender: Ich bin inzwischen der festen Überzeugung, dass all diese komplizierten Theorien, die an unseren Universitäten gelehrt werden und die am Ende alle darauf hinauslaufen, zu begründen, warum es falsch ist, alle Menschen gleich zu behandeln und warum man manche Menschen gleicher behandeln muss als andere, elitäre Flachwichserei sind. Das sind die verschwurbelten Ideen von Menschen mit furchtbaren Minderwertigkeitskomplexen, die glauben, dass sie von der ganzen Welt ungerecht behandelt werden und dass sie ihnen deswegen etwas schuldig ist, und die damit versuchen, ihren Minderwertigkeitskomplexen irgendeine vermeintlich objektive Legitimation zu verschaffen und die anderen davon zu überzeugen, dass sie ihnen wirklich etwas schuldig sind. Und weil diese Theorien so kompliziert sind, dass kein Mensch sie wirklich versteht, müssen sie ja richtig sein. Wer zugibt, sie nicht zu verstehen, der steht als Idiot da. Also wird beeindruckt geguckt und zustimmend genickt.

Ich glaube, dass viele Menschen meinen Eindruck teilen, dass die Linke im Allgemeinen und die SPD im besonderen aufgehört hat, sie zu vertreten und aufgehört hat, an die gleichen Werte zu glauben wie sie. Und ich glaube, dass das der eigentliche Grund für den Niedergang der SPD ist.

Am Ende gibt es nur eine Art, gerecht zu sein. Und das ist genau die Art, die ich eingangs als gesunden Menschenverstand bezeichnet habe. Das versteht jeder intuitiv und es ist universell anwendbar. Es ist wirklich so einfach. Den ganzen Rest, den braucht kein Mensch. Im Gegenteil, der verwirrt uns und sorgt dafür, dass immer mehr Menschen glauben, es wäre gerecht, sich anderen gegenüber ungerecht zu verhalten.
Und weil ich nicht möchte, dass sich dieser gefährliche Unsinn immer weiter verbreitet, unterstütze ich diese Petition, gerichtet an die Universitäten: Suspend Social Justice Courses. Ins Leben gerufen wurde sie vom großartigen Carl Benjamin, alias Sargon of Akkad, der seit Gamergate durch seinen hervorragenden YouTube-Channel bekannt geworden ist. Wahrscheinlich wird die Petition nicht viel bewegen; Aber zum ersten braucht es einmal einen ersten Schritt. Zum zweiten finde ich den Ansatz interessant, die Social Justice Warriors mal mit ihren eigenen Waffen zu bekämpfen. Und zum dritten geht es auch darum, einmal abschätzen zu können, wie groß unsere Bewegung eigentlich ist; wie viele Menschen es gibt, die das kritisch sehen. Da die Teilnahme an der Petition vollkommen kostenlos ist, sollte es uns das wert sein.

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Das Frauenwahlrecht, oder: Eine kleine Geschichte der Diskriminierung

Das allgemeine Frauenwahlrecht wurde in Deutschland nach dem großen Krieg im Jahre 1918 eingeführt. Das weiß eigentlich jeder. Und jeder weiß, dass das viel zu spät war. Jeder weiß, dass dem eine jahrhunderte-, ach was: jahrtausendelange Unterdrückung der Frau durch den Mann vorausging. Und jeder weiß, dass es nur mutigen Frauenrechtlerinnen des Feminismus der Ersten Welle zu verdanken ist, dass sich das dann endlich geändert hat.

Nun, ich möchte deren Bedeutung keineswegs kleinreden. Ich halte den Feminismus der Ersten Welle, oder die Frauenrechtsbewegung, als die ich sie in diesem Zusammenhang lieber bezeichne, für eine absolut wichtige gesellschaftliche Errungenschaft. Ich würde nicht in einer Gesellschaft leben wollen, in der Männer und Frauen unterschiedliche Rechte zugesprochen bekommen, einfach so, qua Geburt. Daher bin ich diesen Frauen – und auch den Männern, wie August Bebel oder Friedrich Lassalle – uneingeschränkt dankbar.

Aber dieses Narrativ, das ich oben beschrieben habe; Nun, an das kann nur glauben, wer über ein anderes Thema wenig weiß; ein Thema, über das denn auch auffallend viel geschwiegen wird. Dabei liegt die Frage doch eigentlich auf der Hand: „Sag mal, wir wissen ja nun, wie das mit dem Frauenwahlrecht war. Aber wie war denn das eigentlich mit dem Allgemeinen Männerwahlrecht?“

Das erste allgemeine Männerwahlrecht in Deutschland wurde 1869 im Norddeutschen Bund unter preußischer Führung eingeführt, ab der Reichsgründung 1871 galt es deutschlandweit. Also keine 50 Jahre, ein Wimpernschlag in der Weltgeschichte, vor dem Frauenwahlrecht. Dies galt aber nur auf Bundesebene; auf föderaler Ebene – die bekanntlich in der deutschen Politik auch eine wichtige Rolle spielt – galten oft weiterhin die vorherigen (ungleichen) Wahlgesetze, so zum Beispiel Pluralwahlrechte, nach denen einige Wähler mehrere Stimmen abgeben konnten, oder das Preußische Dreiklassenwahlrecht. Dieses teilte die Wahlberechtigten (Empfänger öffentlicher Armenvorsorge waren davon z.B. ausgeschlossen) in drei Abteilungen gemäß ihrem Steueraufkommen ein. Die erste Abteilung umfasste die reichsten Bürger, die zusammen ein Drittel des Steueraufkommens ausmachten, die zweite Abteilung die Zahler des zweiten Drittels und der ganze Rest, der nur geringe Steuern zahlte, fand sich in der dritten Abteilung wieder. Jede Abteilung stellte gleich viele Abgeordnete. De Facto sorgte dieses Wahlsystem für eine massive Überrepräsentation einer wohlhabenden Minderheit. In gut einem Zehntel aller Wahlbezirke gab es nur einen einzigen Wähler, der zur ersten Abteilung gehörte und somit allein über den Vertreter seines Bezirks bestimmen konnte. Auch in den restlichen Wahlbezirken gehörten nur selten mehr als eine handvoll Wähler zu dieser Abteilung. Und selbst in der zweiten Abteilung kam es mitunter vor, dass es nur einen einzigen Wähler gab.

Und was wählten diese Wähler dann? Sie wählten die Zweite Kammer des Abgeordnetenhauses, die wiederum der Ersten Kammer untergeordnet war. Anfangs hatte sie lediglich beratende Funktion. Dass sie selbst das Recht hatte, mitzuentscheiden, wurde erst im Laufe der Zeit erreicht. Die Erste Kammer war übrigens dem Adel vorbehalten. Dieses Wahlrecht – übrigens: nicht geheim – galt in Preußen bis 1918.

Wir sehen also: Weder gab es das Allgemeine Männerwahlrecht lange vor dem Frauenwahlrecht, noch hatte es sich vorher vollumfänglich durchgesetzt. Auch einige Männer waren bis 1918 davon ausgeschlossen; und die, die es nicht waren, hatten oft trotzdem kein Wahlrecht, wie wir es heute verstehen: geheim, gleich und unmittelbar.

Natürlich kann man jetzt anführen: Aber immerhin hatten sie doch eins, die meisten zumindest! Und ja, das stimmt. Obwohl das Wahlrecht nicht unseren heutigen Vorstellungen entspricht, war es natürlich ungerecht, die Frauen einfach nur deswegen davon auszuschließen, weil sie Frauen waren. Für die Empfänger der Armenvorsorge gab es ja doch zumindest theoretisch irgendwie die Möglichkeit, zu Einkommen oder Wohlstand zu kommen und damit das Wahlrecht zu erlangen; Anders als heute konnte eine Frau damals aber nicht mal eben zum Mann werden.

Bis jetzt haben wir uns allerdings nur mit dem „was“ der Geschichte beschäftigt – nicht mit dem „wie“ und nicht mit dem „warum“. Doch auch diese sind erhellend.


Bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts gab es in Deutschland überhaupt keine Parlamente. Und es gab auch kein Wahlrecht. Freilich, der Kaiser wurde von den Kurfürsten gewählt; Aber das hat ja nun mit dem, worum es hier geht, so gut wie gar nichts zu tun. Zumal der Kaiser in seiner Funktion als Kaiser auch quasi gar nichts zu sagen hatte; ein Grüßaugust, darin dem heutigen Bundespräsidenten nicht unähnlich.

Was passierte denn also nun am Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts, dass sich das plötzlich änderte? Hier gibt es drei ganz wesentliche Faktoren, die den Lauf der Geschichte in ungeheurem Ausmaß prägten. Ja, es gibt keine andere Periode, die den Lauf der Dinge so nachhaltig änderte wie diese. Ohne jeden Zweifel wäre ohne diese drei Ereignisse heute kaum etwas so, wie es ist:

  1. Die Aufklärung
  2. Die Industrielle Revolution
  3. Die Französische Revolution, und in ihrer Folge: Die Napoleonischen Kriege

Wie die drei zusammenspielten und im einzelnen zur Einführung parlamentarischer Repräsentation führten, würde hier viel zu weit führen und das brauchen wir in diesem Kontext auch nicht allzu genau zu wissen. Daher mache ich es so kurz wie möglich und beschränke mich auf die für unsere Zwecke zentralen Aspekte.

Mit der Industriellen Revolution ging eine zuvor nie dagewesene Urbanisierung einher. Ganze Völkerscharen strömten vom Land in die (teils neu entstehenden) Städte auf der Suche nach Arbeit. Die Geschichte des Ruhrgebiets steht dafür geradezu idealtypisch. Die Städte, die es bis dahin gegeben hatte, waren deutlich kleiner gewesen und verdankten ihre Bedeutung zumeist einem Fürstensitz oder in selteneren Fällen – wie Leipzig oder den Hansestädten – einer unabhängigen, wohlhabenden Klasse von Kaufleuten. Nun entstanden riesige Industriestädte mit einem immensen Bedarf an Arbeitskräften – und allerlei Problemen, die das Zusammenleben vieler Menschen auf kleinem Raum mit sich bringt: Hygiene und Krankheiten, Wasserversorgung und Abwasserentsorgung,  Kriminalität, Verwahrlosung und große Armut usf. Die soziale Frage entstand. Und mit dieser Urbanisierung erfolgte der Eintritt der Massen in die Weltgeschichte.

Bis dahin hatten die Menschen verstreut auf dem Land gelebt. Wer gerade politisch den Hut auf hatte, betraf sie relativ wenig – und sie hatten dabei ja auch nichts zu sagen. Politik war im wesentlichen das Privatvergnügen einer kleinen adeligen Elite. Mit dem Aufkommen neuer sozialer Probleme änderte sich das nun. Und an dieser Stelle kommen, gerade im deutschen Kontext, die Napoleonischen Kriege ins Spiel, insbesondere die Koalitionskriege.

Krieg war immer ein Kontinuum deutscher Geschichte gewesen – und europäischer Geschichte überhaupt. Und natürlich war auch das einfache Volk davon betroffen. In weiten Teilen des Reiches galt die Devise: Der erste Sohn bekommt den Hof, den zweiten bekommt die Kirche, den dritten bekommt der Krieg. Und die soziale Ordnung hat natürlich viel mit dem Erbrecht zu tun; Die feministische Forschung hat nicht unrecht damit, wenn sie betont, dass die Unterdrückung der Frau mit dem Vorzug der Söhne vor den Töchtern zu tun hat. Allerdings war der zweite und spätestens der dritte Sohn dem ersten gegenüber im Grunde genauso benachteiligt wie die Töchter. (Ausgenommen davon ist der Südwesten, wo es üblich war, das Ackerland zu ähnlichen Teilen zwischen den Söhnen aufzuteilen.) Anders als diese hatte er aber nicht die Möglichkeit, einen erbberechtigten Sohn aus anderem Hause zu heiraten. Er musste selbst für sein Auskommen sorgen. Wie gesagt: Die überwältigende Mehrheit der Menschen lebte damals auf dem Land, und dort war das Auskommen ans Land gebunden. Wer kein Land hatte, das er bewirtschaften konnte, der hatte Pech gehabt. Da blieb nur der Eintritt ins Kloster – oder eben in die Armee. Und so fanden sich dort diejenigen wieder, die sonst nichts zu erwarten hatten vom Leben. Somit hatten die Soldaten – abgesehen von der kleinen adeligen Führungselite – ein miserables gesellschaftliches Ansehen. Sold gab es auch keinen, der Soldat erhielt Kost und Logie. Wer zum Militär ging, der war für die Gesellschaft verloren, galt als verroht und unzivilisiert und starb ohnehin früher oder später. Meist nicht den Heldentod auf dem Schlachtfeld – ein Konzept, das ohnehin eher der besagten Führungselite vorbehalten war – sondern einen dreckigen Tod im Schatten der Geschichte. Zu dieser Zeit starb die weit überwiegende Zahl der Soldaten nicht durch feindliche Kugeln, sondern durch Krankheit, unbehandelte Verletzungen und die allgemein katastrophalen hygienischen Zustände. Dies änderte sich erst durch die Gründung des Roten Kreuzes nach der Schlacht von Solferino 1859.

Mit den Koalitionskriegen aber änderte sich die Art der Kriegsführung. Die Heere Napoleons waren mit Abstand die größten, die bis dahin jemals den Kontinent heimgesucht hatten. Ihr militärischer Erfolg war kein Zufall. Um gegen sie zu bestehen, mussten auch die deutschen Staaten massiv aufrüsten. Der Bedarf an Soldaten war enorm. Erstmals wurde daher so etwas wie eine allgemeine Wehrpflicht eingeführt – eine allgemeine männliche Wehrpflicht, versteht sich. Und so waren es in den Koalitionskriegen erstmals nicht mehr nur die Ausgestoßenen und Hoffnungslosen, die ihr Leben für ihren Fürsten gaben. Dies hatte Folgen, die seinerzeit nicht abzusehen gewesen waren. Denn es stellte sich natürlich die Frage: Wenn ich für diesen Staat Leib und Leben riskieren soll und dafür noch nicht einmal einen Sold erhalte – ja, was habe ich denn davon?

Und damit erhielten zwei Ideen Auftrieb, die bis dahin nur gelehrte Gedankenspiele gewesen waren. Zum einen die Idee der Nation – „Wir, die Deutschen, müssen uns, unsere Kultur, unsere Werte gegen die fremden Invasoren verteidigen“ (man vergleiche auch Friedrich Wilhelm II [1914]: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!“) – und zum anderen die Idee des Wahlrechts – „Wenn ich schon mein Leben riskieren soll, dann will ich wenigstens mitreden dürfen, wofür ich es riskiere“. Beide Ideen waren letztlich unwiderstehlich.

Und damit kommen wir zurück zum Ausgangsthema. Die Einführung des Wahlrechts ist historisch untrennbar verknüpft mit der Einführung der Wehrpflicht. Nur durch die Wehrpflicht entstand eine Bewegung, die letztlich, nach jahrzehntelangem Kampf, die Einführung des Wahlrechts zur Folge hatte. Und zwar mit der denkbar simplen Begründung: Wer sein Leben für den Staat gibt, der muss auch mitreden dürfen.

Und deswegen war das allgemeine Wahlrecht ein allgemeines Männerwahlrecht: Weil die allgemeine Wehrpflicht eine allgemeine Männerwehrpflicht war. So ungerecht der Ausschluss der Frauen vom Wahlrecht auch erscheinen mag; Er war dermaßen offensichtlich begründet, dass es gar kein Wunder ist, dass sich erst ein paar Jahrzehnte später eine Bewegung formierte, die diese Gründe nicht mehr so genau kannte und darin eine Ungerechtigkeit sah. Gleichwohl gab es auch viele Frauen, die das Frauenwahlrecht ihrerseits ablehnten, weil sie sich der Gründe nämlich sehr wohl bewusst waren. Sie fürchteten – konsequenterweise – dass mit dem Frauenwahlrecht auch eine Frauenwehrpflicht einhergehen würde. Und diesen Handel wollten sie – verständlicherweise – nicht eingehen.


War es also ungerecht, dass die Frauen kein Wahlrecht hatten? Vom heutigen Standpunkt aus betrachtet: sicherlich. Unter Berücksichtigung der Vorzeichen der damaligen Zeit: Ich tendiere zu nein.

In diesem Beitrag habe ich mich ausschließlich mit der deutschen Entwicklung beschäftigt, und meine Aussagen beziehen sich auch nur auf diese. Ähnlich wie in den deutschen Einzelstaaten war beispielsweise das Wahlrecht im Vereinigten Königreich zwar ausschließlich männlich, aber auch an das Vermögen gebunden. So hatten de-facto selbst in diesem Mutterland der modernen Demokratie bis ins frühe 19. Jahrhundert nur etwa 1% der Männer das aktive Wahlrecht. Sukzessive erhöhte sich diese Zahl durch Reformen bis 1918 auf 52% der Männer. Natürlich war der Ausschluss der Frauen ungerecht; Genauso ungerecht war aber der Ausschluss von 48% der Männer. Dieser Teil der Geschichte ist aber heute kaum mehr bekannt. Was die USA anbetrifft, so erinnere ich mich an eine Aussage im Rahmen einer Vorlesung zur Politischen Ideengeschichte der USA, wonach dort bis heute Männer nur dann wahlberechtigt sind, wenn sie sich auch beim Militär eingeschrieben haben, was für Frauen selbstredend nicht gilt. Die Verknüpfung von Wahlrecht und Wehrpflicht wäre dort entsprechend also bis heute vorhanden – zumindest bei Männern. Ich kann dazu aber leider keine Literatur finden, und vielleicht irre ich mich auch und das wurde vor einiger Zeit geändert. Daher möchte ich mich darauf nicht festlegen.

Wie dem auch sei: Auch in Bezug auf andere Länder wäre eine spezifische Betrachtung der Wahlrechtsentwicklung in diesem Kontext sehr spannend. Und ich bin mir sicher, dass man vielerorts, wenn nicht überall, herausfinden würde, dass es nicht so einfach ist, wie es heute oft dargestellt wird.

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