Die Gerechtigkeit und ihre heimlichen Feinde

Irgendwann war da dieser Moment, in dem mein Glaube erloschen war. Der Glaube daran, dass der Feminismus wirklich die Gleichberechtigung der Geschlechter will. Oder andersherum: Der Glaube daran, dass diejenigen, die sich heute als Feministinnen ausgeben, wirklich Feministinnen sind.

Prolog

Ich stamme aus einer ziemlich einfachen Familie. Meine männlichen Vorfahren waren zum Beispiel Kraftfahrer, Bahnarbeiter, Stellmacher oder Bergmänner, die weiblichen meist Hausfrauen, oft mit einem Nebenverdienst als Kellnerin, Näherin oder Erntehelferin, weil das Geld sonst einfach nicht gereicht hätte. Und zu einem gewissen Grad waren sie bis weit in die Nachkriegszeit hinein alle Selbstversorger: mit einem Obst- und Gemüsegarten und einem Stall mit ein paar Hühnern und einem Schwein. Die klassische Klientel der SPD also.

Und soweit ich weiß, waren sie nie besonders politisch, haben aber alle immer SPD gewählt. Denn die stand ja für die kleinen Leute ein. Bis dann irgendwann die Grünen kamen, die auch hin und wieder mal eine Stimme aus meiner Familie bekommen haben dürften. Und so wurden auch mir von kleinauf sozialdemokratische Werte vermittelt. Gerechtigkeit spielte eine große Rolle. Das war keine komplizierte, hochtrabende Philosophie, sondern intuitiv verständlich und universell anwendbar. Dazu gehörten so Gedanken wie: Die Menschen sind verschieden, aber sie sind alle gleich viel wert. Behandle Frauen mit dem gleichen Respekt, mit dem du auch Männer behandelst. Schließe nicht vom Aussehen eines Menschen auf seinen Charakter. Mach dich nicht über schwächere lustig. Lass andere ausreden. Stell dich hinten an; und so weiter und so fort. Im Grunde lässt sich das mit dem einfachen Satz, „Was du nicht willst, das man dir tu‘, das füg‘ auch keinem ander’n zu“, zusammenfassen. Das ist so simpel, dass man es im Grunde auch als gesunden Menschenverstand bezeichnen kann. Und der wurde nicht mit abstrakten Vorträgen erklärt, sondern der wurde vorgelebt. Und weil das alles so eine schöne Einheit bildete, wuchs ich auch in dem Verständnis auf, dass dieser gesunde Menschenverstand und die SPD zusammengehören (und das taten sie ja lange Zeit auch). Und deswegen verstand ich mich natürlich auch als Sozialdemokraten.

Und als ich dann anfing zu studieren, schaute ich natürlich auch mal bei der örtlichen Hochschulgruppe der Jusos vorbei. Einmal. Danach nie wieder. Und fortan entfremdete ich mich immer weiter von der SPD und vom linken politischen Denken im Allgemeinen. Ich hatte den Eindruck, dass mein Gefühl für Gerechtigkeit, das, wovon ich dachte, dass es doch eigentlich so selbstverständlich, einfach zu befolgen und universell gültig sei, dort nicht mehr zu Hause ist. Stattdessen wurden andere, unsichtbare soziale Regeln befolgt, es wurden komplizierte Theoreme gewälzt, die am Ende doch alle nur darauf hinausliefen, zu begründen, warum es gerade nicht gerecht ist, alle gleich zu behandeln, sondern warum manche Tiere eben gleicher sind als andere, um es mit Orwell zu sagen.

Nun bin ich ein neugieriger und selbstkritischer Mensch. Deshalb wollte ich diese Theoreme verstehen, weil ich auch dachte: Na vielleicht ist ja etwas dran, und ich habe es nur nicht verstanden. Und so studierte ich nun acht Jahre lang an diesen Konzepten herum. Und ich verstehe sie mittlerweile sogar. Allein: Ich halte sie für den gleichen Unsinn, für die ich sie am Anfang gehalten habe. Und eine große Rolle spielten dabei zeitgenössische feministische Konzepte.

Beispiel

Neulich sah ich auf Facebook die Statusmeldung einer jungen Frau. Die ging so:

Beim Zahnarzt. Männlicher Patient beim Verlassen des Behandlungsraumes zur Zahnarzthelferin: „Ich komme ja eigentlich nur wegen der schönen Frau her.“ Man reiche mir eine Kotztüte.

Jemand machte den Fehler, zu bezweifeln, dass es sich dabei um eine Schilderung von furchtbarem Sexismus handelte, woraufhin ein Shitstorm über ihn hereinbrach. So hieß es von der Dame unter anderem:

Ah, verstehe. Mann weiß eben besser, wie Frau sich fühlt. #mansplaining sei dank!

Diese Ansicht ist ja im zeitgenössischen Feminismus, vor allem dem Netzfeminismus, ziemlich weit verbreitet: Ein Mann habe gefälligst bei allem was er tut und sagt erstmal abzuwägen, wie sich an- und abwesende Frauen damit fühlen könnten und es dann gegebenenfalls zu unterlassen. Darum geht es hier. „Buhuuu, dieser Mann hat etwas gesagt, was mir nicht gefällt und meine Gefühle waren ihm dabei vollkommen egal!“ Und dann geht Frau online und beklagt sich darüber bei ihren Peers. Eine ziemlich passiv-aggressive Vorgehensweise, hätte sie doch einfach betreffenden Mann darauf ansprechen können, dass ihr sein Spruch missfällt. Nein, das ganze Internet soll wissen, dass es da draußen böse Menschen (Männer!) gibt, die etwas sagen, ohne dabei an ihre Gefühle zu denken!

Aber an irgendwas erinnert mich das doch… Ja, richtig! Dieses uralte Cliché, demzufolge Frauen so emotional seien, dass Männer ständig Rücksicht auf ihre Gefühle nehmen müssten, und dass sie deswegen politisch und wirtschaftlich zu nichts zu gebrauchen seien! Gottseidank gab es ja die Frauenrechtlerinnen der ersten und zweiten Welle des Feminismus, die mit diesem Cliché aufgeräumt haben. Deswegen haben Frauen heute das Wahlrecht, sitzen im Parlament, werden Ministerin und Bundeskanzlerin, gehen arbeiten und werden Chef. Ist doch eigentlich erledigt, oder? An dieses Cliché glaubt doch heute kein Mensch mehr, oder?

Und nun kommt da eine Gruppe von Frauen, Feministinnen gar, die genau das einfordern: Dass Mann doch bittegefälligst bei allem und jedem Rücksicht auf ihre Gefühle zu nehmen hat! Hatten Feministinnen nicht einmal dafür gekämpft, genau diesen Blödsinn zu überwinden?

Das gleiche Prinzip lässt sich übrigens auch bei anderen zeitgenössischen feministischen Konzepten beobachten. Die unsägliche HeForShe-Kampagne der UNO zum Beispiel, beruft sich auf das uralte Cliché vom edlen Ritter in schimmernder Rüstung, der heraneilt um sein genauso holdes wie hilfloses Weib aus den Fängen des bösen Drachen zu erretten. Anders als Feministinnen früherer Generationen meinen heutige nämlich nicht, dass sie keinen Mann zum Leben brauchen. Sie glauben, dass sie eine Sonderbehandlung brauchen – und verdienen! Woher dieser plötzliche Sinneswandel?

Analyse

Gehen wir mal naiv da ran und sagen: Feminismus ist ja definiert als eine Bewegung zur Gleichberechtigung und Gleichstellung der Geschlechter. Als solche ist sie ja durchaus mit meinem Gerechtigkeitsgefühl vereinbar. Und Gleichberechtigung heißt – nun ja, eben, dass alle gleich behandelt werden. Wenn der Feminismus also fordert, dass Männer bei allem und jedem Rücksicht auf die Gefühle von Frauen nehmen müssten, dann muss er also das gleiche auch von den Frauen gegenüber den Männern einfordern. Gibt es diese Forderung im Feminismus? Nein, die gibt es nicht. Das lässt jetzt zwei Schlüsse zu: Entweder der Feminismus will gar nicht die Gleichberechtigung der Geschlechter, oder das ist kein Feminismus.

Gleichwohl wird diese Forderung ja als eine feministische Forderung geframed. Dem trage ich dadurch Rechnung, dass ich vom zeitgenössischen Feminismus spreche. Und diesem geht es eben, so habe ich ja gerade gezeigt, nicht um die Gleichbehandlung der Geschlechter, sondern um eine Unterschiedlichbehandlung. Warum sollen Männer auf weibliche Gefühle Rücksicht nehmen, umgekehrt aber nicht? Weil weibliche Gefühle wichtig und wertvoll sind. (Über männliche Gefühle wird dabei nichts gesagt – sie spielen also keine Rolle, sind weniger wichtig, wenn überhaupt.) Wenn aber die Gefühle einer Gruppe wichtiger sind als die einer anderen, dann handelt es sich um eine Überlegenheitsideologie.

Damit ergeben sich natürlich erhebliche Legitimationsprobleme. Denn die gesamte Akzeptanz, die der Feminismus genießt, beruht ja auf seinem Image als einer Bewegung für Gleichberechtigung. Also muss er sich dieses Image unbedingt bewahren. Und das geschieht mit einem cleveren Trick: Man stellt sich als unterdrückte Minderheit da, die eine Sonderbehandlung braucht. Nur damit kann man überhaupt irgendwie begründen, einen Menschen anders zu behandeln als einen anderen. Das Vehikel mit dem das geschieht ist – Trommelwirbel! – die Theorie vom Patriarchat. Mit all ihren Prämissen, Hypothesen und Schlussfolgerungen. Das Patriachat, so wie es in der feministischen Literatur definiert wird, ist eine unsichtbare, mit wenigen, kleinen Ausnahmen weltumspannende Herrschaftsstruktur, die alle Männer bevorteilt und alle Frauen unterdrückt. Einen empirischen Beleg für diese Theorie gibt’s natürlich nicht; Kann es auch gar nicht geben, weil sie nicht falsifizierbar ist und alle Widersprüche so umgedeutet werden, dass sie dann doch wieder irgendwie ins Konzept passen. Und sowas nennt man eine Verschwörungstheorie.

Verschwörungstheorien sind beliebt, wenn es darum geht, die Ungleichbehandlung von Menschen zu legitimieren. Damit lassen sich der gesunde Menschenverstand und sogar Gesetze außer Kraft setzen. Die Nazis haben das gemacht, mit ihrer Theorie von der jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung. Die Sowjets haben das gemacht, mit ihrer Furcht vor der Konterrevolution. Die Amis haben das gemacht, mit ihrer Paranoia vor der kommunistischen Unterwanderung. Alles unbelegbare Verschwörungstheorien, mit denen die Grundrechte von Menschen auf eine gerechte Behandlung außer Kraft gesetzt wurden.

Fazit und Call to Action

Der Punkt, auf den ich hinausmöchte, ist folgender: Ich bin inzwischen der festen Überzeugung, dass all diese komplizierten Theorien, die an unseren Universitäten gelehrt werden und die am Ende alle darauf hinauslaufen, zu begründen, warum es falsch ist, alle Menschen gleich zu behandeln und warum man manche Menschen gleicher behandeln muss als andere, elitäre Flachwichserei sind. Das sind die verschwurbelten Ideen von Menschen mit furchtbaren Minderwertigkeitskomplexen, die glauben, dass sie von der ganzen Welt ungerecht behandelt werden und dass sie ihnen deswegen etwas schuldig ist, und die damit versuchen, ihren Minderwertigkeitskomplexen irgendeine vermeintlich objektive Legitimation zu verschaffen und die anderen davon zu überzeugen, dass sie ihnen wirklich etwas schuldig sind. Und weil diese Theorien so kompliziert sind, dass kein Mensch sie wirklich versteht, müssen sie ja richtig sein. Wer zugibt, sie nicht zu verstehen, der steht als Idiot da. Also wird beeindruckt geguckt und zustimmend genickt.

Ich glaube, dass viele Menschen meinen Eindruck teilen, dass die Linke im Allgemeinen und die SPD im besonderen aufgehört hat, sie zu vertreten und aufgehört hat, an die gleichen Werte zu glauben wie sie. Und ich glaube, dass das der eigentliche Grund für den Niedergang der SPD ist.

Am Ende gibt es nur eine Art, gerecht zu sein. Und das ist genau die Art, die ich eingangs als gesunden Menschenverstand bezeichnet habe. Das versteht jeder intuitiv und es ist universell anwendbar. Es ist wirklich so einfach. Den ganzen Rest, den braucht kein Mensch. Im Gegenteil, der verwirrt uns und sorgt dafür, dass immer mehr Menschen glauben, es wäre gerecht, sich anderen gegenüber ungerecht zu verhalten.
Und weil ich nicht möchte, dass sich dieser gefährliche Unsinn immer weiter verbreitet, unterstütze ich diese Petition, gerichtet an die Universitäten: Suspend Social Justice Courses. Ins Leben gerufen wurde sie vom großartigen Carl Benjamin, alias Sargon of Akkad, der seit Gamergate durch seinen hervorragenden YouTube-Channel bekannt geworden ist. Wahrscheinlich wird die Petition nicht viel bewegen; Aber zum ersten braucht es einmal einen ersten Schritt. Zum zweiten finde ich den Ansatz interessant, die Social Justice Warriors mal mit ihren eigenen Waffen zu bekämpfen. Und zum dritten geht es auch darum, einmal abschätzen zu können, wie groß unsere Bewegung eigentlich ist; wie viele Menschen es gibt, die das kritisch sehen. Da die Teilnahme an der Petition vollkommen kostenlos ist, sollte es uns das wert sein.

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  1. #1 von Leander am 1. August 2016 - 0:44

    Ist der hier Blog eigentlich tot oder wirds nochmal weiter gehen?

  2. #2 von Emannzer am 4. September 2016 - 21:11

    Schade, dass das dein bisher letzter Artikel war, denn er ist verdammt gut, analytisch und sezierend – und zwar in jeder Hinsicht!

    • #3 von Der nachdenkliche Mann am 6. September 2016 - 15:39

      Lieber Emannzer,

      danke für das Lob! Momentan schreibe ich an meiner Masterarbeit, daher bleibt nicht so wahnsinnig viel Zeit für das Blog.
      Parallel dazu gibt’s auch noch einige andere Überlegungen, zum Beispiel ein neues Format auf YouTube zu entwickeln.
      Hin und wieder werde ich aber auch hier noch mal was schreiben.

      Vielen Dank auch für den Reblog! Das gibt ein bisschen Motivation, hier mal wieder aktiver zu werden. 😉

      • #4 von Emannzer am 6. September 2016 - 20:52

        Lieber nachdenklicher Mann,

        das freut mich und ich weiß selbst, wieviel Motivation es von außen manchmal benötigt, einen Blog konstant zu betreuen und am laufenden zu halten.

        Entscheidend ist nicht die Frequenz, sondern die Konstanz (habe da etwas geschlampt in letzter Zeit), an die sich deine Leser gewöhnen und über neue Artikel sicherlich freuen.

        Dir persönlich ganz viel Erfolg und eine gute Feder beim Erstellen deiner Masterarbeit und weiterhin eine kritische Denke 🙂

        Herzlich
        Emannzer

        PS: Dein Artikel hat auch anderen gefallen nach der Promo, wie ich sehe. Das gefällt mir und ist auch verdient.

  3. #5 von Emannzer am 4. September 2016 - 21:16

    Hat dies auf emannzer rebloggt und kommentierte:
    Eigentlich reblogge ich ja wirklich selten. Aber dieser Artikel von „Der nachdenkliche Mann“ ist es wert, möglichst breit gestreut zu werden.

    Denn er zerlegt nicht nur die Bigotterie des (aktuellen) Feminismus‘, sondern beschäftigt sich auch mit den politischen Rahmenbedingungen und dem zweierlei Maß, mit wechem hier gemessen wird.

  4. #6 von D.K. am 15. September 2016 - 5:16

    Hervorragender Kommentar. Bedenkenlose Zustimmung. Absolut meine Meinung.

  5. #7 von Hengist Hamar am 16. September 2016 - 7:36

    Ein sehr schöner Artikel!

  6. #8 von ReiH am 22. September 2016 - 2:44

    Ok, du hast gerade viel um die Ohren. Und jetzt komm ich auch noch technisch:
    Als etwas älterer Mensch muss ich mir so gut wie alle Texte vergrößert anschauen. Ab Stufe drei wandert dein Text dann bei mir rechts raus, ci müsste aber 4x vergrößern, um ihn gut lesen zu können. (FF 48.02, Zwangs-Win10)

    Nur zur Info. Vielleicht können dir die anderen Bloger hier Tips geben. Muss ja nicht gleich geschraubt werden. Aber wenn du mal Zeit hast… Bis dahin kopiere ich mir halt den Text ins Office Programm und lese ihn dort.

    Bin übrigens über Emanzer hierher gekommen.

    • #9 von Fiete am 26. April 2017 - 18:11

      @ReiH:
      Nimm dies:
      https://addons.mozilla.org/de/firefox/addon/zoom-page/
      … oder Seamonkey als Browser, da ist das Addon schon drin.
      Übrigens gibt es kein ZwangsW10. Das Upgrade-Update ist deaktivierbar.
      Zur Erklärung: ich bin alt, habe schlechte Augen und benutze mehrere W8.1 ( u.a. als virtuelle Standalone-OS ), welche ich so umgerüstet habe, daß es dort wieder ein ordentliches Startmenü und sonstige „Oldies but Goodies“ gibt.
      Und mindestens ein mögl. schlankes Linux als Notfallsystem sollte man auch noch haben. Ist auch für einen IT-Laien, wie mich z.B., ohne weiteres möglich und sinnvoll.

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