Beethoven hören unterdrückt Frauen!

Mal wieder ein Beispiel aus der Kategorie: Was sich so für dumme Argumente unter dem #Feminismus sammeln.

Wer mich kennt, weiß, dass ich ein großer Fan von Beethovens Symphonien bin. Ich hätte es nie gedacht, aber Bezug nehmend auf die Initiative „WAM!“ (Women, Action & the Media) unterdrücke ich damit Frauen, denn:

„Less than 1 in 100 of classical pieces performed in concert in 2009-2010 were written by a female composer (and 1 in 15 was written by Beethoven!). Women make up 2% of the standard repertoire of pieces.“

Nach deren Logik sieht das also so aus: Beethoven wird nicht deswegen gehört, weil seine Musik herausragend ist, sondern weil er ein Mann ist. Sie nehmen einfach an, dass es demgegenüber auch einen „weiblichen Beethoven“ geben würde, den man stattdessen hören könnte. Wenn man das mal ausspricht, merkt man, was das für ein Quatsch ist. Beethovens Musik ist einzigartig, es gibt keinen einzigen Menschen, ob Mann oder Frau, der das gleiche hätte schreiben können.
Das im Hinterkopf, wäre die Forderung also: Ganz egal wie schön, herausragend, was auch immer die Musik ist: Wir müssen mehr weibliche Komponisten hören. Abgesehen davon, dass das Geschlecht des Komponisten ein total bescheuertes Kriterium ist, scheint ihnen nicht klar zu sein, dass es vor 200 Jahren praktisch keine weiblichen Komponisten gab – was man natürlich beklagen, aber nicht per Dekret ändern kann. Oder soll das bedeuten, wir dürfen jetzt gar keine klassische Musik mehr hören, weil es keine weiblichen klassischen Komponisten gibt?

Oder um es nochmal anders zu sagen: Wenn das Geschlecht das Kriterium ist, nach dem wir auswählen, welche Musik exzellent ist und deshalb gehört wird, stellt sich ja die Frage: Warum bewundere ich Beethoven und höre seine Musik, während ich Bachs Kantaten sterbenslangweilig finde und ergo nicht höre? Beide waren doch Männer! Das Argument konsequent durchdekliniert, höre ich also die Musik eines Mannes, weil er ein Mann war, während ich die Musik eines Mannes nicht höre, weil er ein Mann war.

Das ganze nennt man (und frau) einen naturalistischen Fehlschluss.

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Street Harrassment

Gestern machte ich mir mal einen Spaß und postete einen neuen Status auf Facebook:
„Mir wurde heute von einer wildfremden Person ein „Schönen guten Tag“ gewünscht und ich habe es überlebt. Nach Definition von Hollaback bin ich jetzt „survivor“ eines „sexual harrassment“.“
Das ist jetzt der am häufigsten gelikete Status in meiner Timeline…

Aber Spaß beiseite. In meinem Freundeskreis wurde natürlich recht ausgiebig über dieses Video diskutiert. Natürlich wunderten sich Leute, dass das Video zehn Stunden abbilden soll, dabei aber nur zwei Minuten dauert. Und dass man das eigentlich mal im ganzen auswerten müsste und nach Kategorien von Ansprachen bzw. Anmachen unterteilen müsste. Ja, müsste man. Wenn Sorgfalt und Redlichkeit wichtige Werte wären.

Meine weiblichen Freunde hatten am allerwenigsten Verständnis dafür. „Sehr selten“ bis „nie“ würden sie auf der Straße angequatscht werden. Und wenn, dann sind es meistens Leute, die mal nen Euro haben wollen, Leute, die einem irgendein Abo oder eine Mitgliedschaft aufquatschen wollen oder Leute, die eine Wahl gewinnen wollen. Solche Ansprachen sind geschlechtsneutral. Sexual Harrassment ist was anderes.

Der New Zealand Herald hat das ganze jetzt auch mal ausprobiert und ein Video mit einem Model und einer versteckten Rucksackkamera in Auckland, Downtown gedreht. Aber seht selbst:

Tja, was sagt uns das? Ich war selbst vor zwei Jahren in Neuseeland unterwegs, auch in genau den Straßen. Ich wurde da ungefähr genauso oft angequatscht wie die Dame. Von Leuten, die nen Dollar haben wollten, die mir was verkaufen wollten, die mich zu ihren religiösen Zusammenkünften einladen wollten, die den Weg wissen wollten, die wissen wollten, ob ich französisch spreche oder die einfach nur jemanden zum reden wollten. Neuseeland ist allgemein sehr gesprächig.

Jedenfalls schaute ich mir dann das Hollaback-Video nochmal an und stellte fest: Die allermeisten Typen sitzen auf Klappstühlen auf dem Bürgersteig. Wer macht denn sowas? Ich nehme an, das sind genau die gleichen gescheiterten Existenzen, wie sie auch unsere Innenstädte belagern und wahllos jede/n anpöbeln, der in Hörweite an ihnen vorbeigeht. Und da die USA sich ja dazu entschlossen haben, God’s own country zu sein, gibt es dort noch viel mehr solcher armen Schweine als hier.
Das ist in der Tat ein Skandal. Hat aber nichts mit sexueller Belästigung zu tun. Ich nenne das: Victim Blaming.

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Feminismuskritik = Hass?

In letzter Zeit häufen sich ja die Artikel in ein- bzw. zweischlägigen Zeitungen, die einmal den Fokus auf die Kritiker feministischer Positionen richten. Ich bin sicher, ihr habt das mitbekommen, ansonsten findet ihr hier bei man tau eine gute Übersicht.

Ich frage mich: Wie kommen die Autoren dieser Artikel zu ihren Ansichten?

Nun bin ich definitiv kein Anhänger von Verschwörungstheorien. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es irgendwo einen geheimen Rat gibt, bestehend aus den Spitzen von Journalismus, Feminismus, Politik und Wirtschaft, in dem beschlossen wird, was als richtige Meinung zu gelten hat. Ich glaube, die Wahrheit ist viel banaler.

Ja, es gibt teilweise wirklich berechtigte Kritik an dem, wie sich einige online über den Feminismus auslassen. Manchmal muss ich wirkklich sagen: Leute, wenn ihr so schreibt, dann braucht ihr euch auch nicht zu wundern, wenn ihr als Trolle, Hater, Ewiggestrige oder Nazis dargestellt werdet. Manche Kommentare laden wirklich dazu ein, auch wenn ich glaube, dass sich dahinter oftmals ganz vernünftige Leute verbergen, denen angesichts dieses Overloads hin und wieder mal der Kragen platzt.

Das Problem, was ich aber habe, ist, dass in besagten Artikeln nicht differenziert wird. Ja, es gibt sie, die Hater. Aber es gibt genauso auch konstruktive, inhaltlich fundierte und sachlich vorgetragene Kritik, mit der man sich unbedingt ernsthaft auseinandersetzen sollte. Doch in besagten Artikeln wird das alles in einen Topf gehauen, einmal kräftig verrührt und dann das Label „Hater“ draufgepappt. Wieso machen die sich das so einfach?

Ich glaube, das ist wirklich der Schlüssel: Sie machen es sich einfach. Es ist keine Verschwörung, die sind bloß denkfaul. Wir alle haben irgendwann, recht früh wahrscheinlich, gelernt, dass Frauen früher keinen guten Stand in der Gesellschaft hatten. Dass sie dann aufgestanden sind und ihre Gleichberechtigung eingefordert haben. Und dass sie sich im Laufe der Jahrhunderte und Jahrzehnte emanzipiert haben. Und das ist doch eine gute Sache. Ich setze mal voraus, dass wir alle die Idee absolut richtig finden, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sein sollen, niemand wegen seines Geschlechts benachteiligt werden soll und jeder die Freiheit haben soll, sich gemäß seiner Neigungen zu entwickeln. Ich jedenfalls unterstütze diesen Gedanken leidenschaftlich.

Doch irgendwann hat irgendein Ereignis, ein Erlebnis, eine Erfahrung, vielleicht ein Gespräch in meinem Kopf etwas ausgelöst. Da war dieser vage Verdacht, dass da irgendetwas nicht stimmt. Könnte es sein, dass das, was wir den Feminismus nennen, diese eigentlich doch edle Bewegung, die für die Gleichberechtigung aller Menschen eintritt, tatsächlich doch irgendwie ein bisschen komplizierter ist? Könnte es sein, dass da noch mehr ist?

Als diese Frage in meinem Kopf aufgewacht war, betrachtete ich die Auseinandersetzungen um Geschlecht zunehmend mit anderen Augen. Und mir wurde klar: So einfach ist es nicht. Der Feminismus sagt, er will alte Geschlechterklischees überwinden. Tatsächlich macht er sie sich aber zunutze, wo es ihm in den Kram passt. Aktuellstes Beispiel: Die UN-Kampagne HeForShe. Es wird an das uralte Klischee vom edlen Ritter in schillernder Rüstung appelliert, der der armen, hilflosen Maid zu Hilfe eilt, um sie aus den Fängen des Drachen (in diesem Falle also: des Patriarchats) zu befreien. Ja, was ist das denn?

Der Feminismus sagt, er will gleiche Rechte für beide Geschlechter. Doch das Recht auf die körperliche Unversehrtheit der Geschlechtsorgane steht nur den weiblichen Kindern zu. Natürlich gibt es auch Feministinnen, die das falsch finden, das will ich nicht unterschlagen. Aber es kann niemand behaupten, es würde sich von dieser Seite aus im gleichen Maße um die männliche Beschneidung gekümmert, wie um die weibliche. Einige finden das sogar ganz gut. Einige gehen sogar so weit, die männliche Beschneidung als ein Privileg der Männer zu betrachten und fordern dann, dass Frauen doch dieses Recht bitteschön auch haben sollten. Absurd. Das passiert, wenn man jeden Unterschied zwischen den Geschlechtern versucht, mit dem Patriarchat zu erklären.

Der Feminismus sagt, an Frauen würden höhere Maßstäbe angesetzt werden, was ihr Aussehen betrifft. Das stimmt. Und doch ist es nur die halbe Wahrheit, denn so wie eine hässliche Frau es bei Männern schwer hat, so schwer hat es umgekehrt ein Mann, der unentschlossen ist, der handwerklich unbegabt ist, der keine Ahnung von Technik hat, der kleiner oder körperlich schwächer als die Frau ist. Natürlich gibt es Ansprüche, denen Frauen ausgesetzt sind. Aber wenn es heißt, man trete für Gleichberechtigung ein, dann muss man sich die andere Seite natürlich auch anschauen. Es gäbe noch tausende Beispiele mehr dafür, wie der tatsächliche Feminismus von der weit verbreiteten Idee abweicht. Ich bin sicher, euch fallen auch noch viele ein.

Meine Vermutung ist nun, dass die Autoren der eingangs erwähnten Artikel diesen Schritt nicht gemacht haben. Sie haben nie ein Erweckungserlebnis gehabt. Die haben sich nie intensiv mit dem Thema und den Widersprüchen auseinandergesetzt und denken immer noch: „Mensch, Frauenrechte sind gut und wichtig!“ Ja, sind sie ja auch. Und dann denken sie: „Wer das kritisiert, der kann nur ein Revisionist sein, ein Frauenhasser, der keine gleichen Rechte will!“ Und da liegt der Hase im Pfeffer. Denn was wir kritisieren – zumindest kann ich das für mich sagen – ist ja überhaupt nicht die Idee der Gleichberechtigung, im Gegenteil! Was ich kritisiere ist vielmehr, dass diese Idee mittlerweile ad absurdum geführt wird. Was, so glaube ich, in vielen Fällen auch gar nicht mit Boshaftigkeit zu tun hat, sondern mit Denkfaulheit. Es werden Prinzipien aufgestellt, aber die eigenen Klischees werden überhaupt nicht hinterfragt.

Das führt natürlich zur Frage: Was können wir tun? Können wir überhaupt was tun?

Ich glaube, derbe Kommentare, Beschimpfungen, Drohungen usw. sind das allerschlimmste, was wir machen können. Wir müssen mit den Leuten genauso fair umgehen, wie wir wollen, dass sie mit uns umgehen. Außerdem müssen wir ganz klein anfangen. Man kann da nichts voraussetzen. Man muss ganz einfach über persönliche Erlebnisse sprechen. Was war bei mir der Auslöser, dass ich gemerkt habe: Hier stimmt was nicht? Und als ich das gemerkt hatte: Wodurch hat sich dieses Bild verfestigt? Darüber müssen wir sprechen, ganz persönlich, ganz unaufgeregt. Nur dann haben wir die Chance, dass uns irgendwer ernst nimmt.

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Hitlers Helferinnen

Die Rolle der Frauen im NS – ein Beitrag des Deutschlandfunk.

Das soll nicht heißen, dass Frauen irgendwie böse oder schuldig wären. Sie sind genau so böse oder schuldig wie die Männer eben auch. Individuell, jede und jeder für sich. Dieser Beitrag dient nur dazu, an dem Mythos zu rütteln, dass Frauen zu so etwas nicht fähig wären, ja an allem Übel immer nur Männer schuldig wären.

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Studie ergibt: Männer sind vermutlich alle böse!

Die ZEIT ist sich nicht zu schade, Bullshit im Quadrat zu veröffentlichen. Siehe dieses Interview. Auf den ersten Blick geht es um sexuelle Gewalt an Unis, und dass diese ja auch in Deutschland ein riesiges Problem darstellen würde. Wenn man genauer hinschaut, erkennt man die eigentliche Intention, der die Studie folgt – und das Interview natürlich auch.

Mit dieser ausufernden Definition von sexueller Gewalt/Belästigung lässt sich am Ende gar nichts mehr belegen, außer, dass in einer Gesellschaft, die aus Menschen besteht, die teilweise sexuell aufeinander reagieren, auch die Kommunikation sexuelle Inhalte haben kann. Das ist aber keine wissenschaftliche Erkenntnis, das ist als Wissenschaft getarntes Geschwätz. Das ist ein Problem der Wissenschaft.

Da hört es aber nicht auf. Denn dadurch wird auch ein gesellschaftliches Problem erzeugt, die wirklichen Opfer werden damit verhöhnt. Zum einen dadurch, dass sie in einem riesigen Meer von „irgendwie betroffenen“ verschwinden und Hilfe sie so schwerer erreicht – zum anderen dadurch, weil die „Opfer“ bei derartigen Definitionen irgendwann nicht mehr ernst genommen werden – was dann auch auf die tatsächlichen Opfer abstrahlt.

Es geht hier nicht darum, auf Opfer aufmerksam zu machen oder denen gar zu helfen. Die einzige Message des Interviews ist: Männer sind böse. Nein, halt: ALLE Männer sind böse. Das wird extra nochmal betont: “ Männer an der Uni sind so, wie sie vermutlich überall sind.“ – So? Wie sind sie denn vermutlich überall? Und wer ist es, der da vermutet? Und was hat das mit Wissenschaft zu tun?

Diese Message zu vermitteln ist viel wichtiger als die Wissenschaft. Stünde die Wissenschaft im Vordergrund, dann müsste eine Gegenprobe gemacht werden: Wie viele Männer sind denn davon betroffen?

Bezeichnenderweise passiert das nicht. Es muss sein, was sein soll, es kann nicht sein, was nicht sein darf.

 

EDIT: Meine gute Freundin lady ironfist wies mich gerade noch darauf hin:

Frauen gehen im Winter nicht in Abendvorlesungen, weil sie Angst vor Übergriffen haben. Dann kommt aber „Die Daten legen aber nahe, dass an diesen Orten gar keine überdurchschnittlich große Gefahr lauert.“ Ok, das wäre doch mal eine echte Entwarnung, oder etwa nicht? Aber halt „Auch wenn ich natürlich trotzdem keiner Frau raten würde, nachts allein durch Parks zu spazieren“ Aha, also sind Frauen, obwohl die Datenlage es anders nahelegt, also einfach IMMER in Gefahr vor irgendwem – also wahrscheinlich dem Mann, denn alle die in solchen Zusammenhängen nicht explizit als Opfer genannt werden, müssen ja Täter sein.

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Das Primark-Patriarchat

Dieser Artikel erschien eben auf Zeit Online. Es geht um die schlimmen Zustände bei Primark, sowohl in der Produktion als auch in den Läden und überhaupt die mangelhafte Qualität. Wie immer, werden Akteure (in diesem Falle also Kunden und Konsumenten), wenn sie negativ konnotiert sind, nicht gegendert, während natürlich darauf hingewiesen wird, dass die Näherinnen ja zum Großteil ausgebeutete Frauen sind, was aber – nicht nur nach dem Foto zu urteilen – ebenso auf die Konsumenten zutreffen dürfte.

Der Feminismus würde diese Verhältnisse sicherlich auf’s Patriarchat zurückführen, ist das Patriarchat doch grundsätzlich Schuld an allem schlechten in der Welt und besonders dann, wenn Frauen ausgebeutet werden, was ja hier offensichtlich der Fall ist. Nur ist es ja so, dass hier Frauen Frauen ausbeuten: Die Näher in Bangladesch, China, Indien, Pakistan sind größtenteils Frauen; die Kunden sind es ebenso.

Aber ich bin mir sicher, dass unseren Freunden auch hier der richtige Twist einfallen würde. Ich versuche es mal damit: Das Patriarchat zwingt Frauen ja dazu, sich ständig neu für die Männer herauszuputzen, deswegen werden sie auch dazu gezwungen, ständig neue Klamotten zu kaufen. Und würden Frauen nicht 23% weniger Lohn erhalten, dann würden sie auch ganz gewiss nur noch fair trade kaufen. Das Patriarchat zwingt die Frauen dazu, andere Frauen auszubeuten, wofür sie ein schlechts Gewissen haben und dann wieder vom Patriarchat ausgebeutet werden. Schlimm schlimm.

Ich persönlich hatte vor diesem neuen „Skandal“ noch gar nicht von Primark gehört. Wer weiß, vielleicht ist es ja auch nur ein riesiger Marketing-Gag. Zumindest tauchten die Einnähungen bis jetzt nur in Großbritannien auf, was reichlich Zufall ist.

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Wie Männlichkeit unterdrückt wird und was daraus folgt

„Sie könnten ein Dirndl auch ausfüllen“ – dieser Satz ruft in uns allen irgendeine Erinnerung, irgendeine Emotion hervor. Die einen sind empört: Wie kann man so etwas sagen? Noch dazu ein alter Politiker zu einer jungen Journalistin? Diese Empörung resultierte Anfang letzten Jahres im #Aufschrei, in dem teilweise sicherlich auch berechtigte Kritik an Alltagssexismus geübt wurde.

Bei vielen von uns löst dieser Satz aber etwas anderes aus: Unbehagen, Entsetzen über den #Aufschrei selbst, der darauf folgte. Warum ist das so?

Hand auf’s Herz: Ein Satz wie der von Rainer Brüderle ist für einen Mann vollkommen normal. Männer denken halt so. Sieht ein Mann eine attraktive Frau, die darüber hinaus noch ihre Reize ein bisschen in Szene setzt, löst das bei uns ganz einfach solche Gedanken aus. Wenn jetzt ein Mann aber diesen vollkommen normalen Gedanken in Worte fasst, entsteht daraus plötzlich ein riesiger Aufschrei. „Das, was dieser Mann gesagt hat, ist etwas ganz furchtbares. Er sollte sich schämen!“ Nach wie vor empören sich manche Leute darüber, dass sich Brüderle für diesen Satz nicht entschuldigt hat.

Wenn aber ein Satz, der für einen Mann vollkommen normal ist, solche Reaktionen hervorruft, lässt sich erkennen, dass das, was für Männer normal ist, schon lange nicht mehr gesellschaftlich normal ist. Die gesellschaftliche Normalität ist an der Frau und ihrer Weise zu denken und zu empfinden ausgerichtet. Das offenbarte sich im #Aufschrei und in dessen medialer Rezeption. Die männliche Art zu empfinden wurde als abnorm, als sexistisch konstruiert, als etwas, für das man sich schämen und entschuldigen müsse. Wenn männliche Normalität aber als etwas so illegitimes präsentiert wird, kommt man nicht umhin, anzuerkennen, dass sie unterdrückt wird. Für sie ist in unserer Gesellschaft kein Platz. Wir wollen das nicht. Leute, die so denken und sprechen, verstoßen gegen die Norm und werden sanktioniert. Brüderle dient hier nur als Musterbeispiel, sein Fall gilt stellvertretend für die gesamtgesellschaftliche Dynamik, wie mit männlichem Empfinden umgegangen wird.

Natürlich ließe sich einwenden, die Situation zwischen einem Politiker und einer Journalistin sei nicht in erster Linie eine Situation zwischen einem Mann und einer Frau gewesen, sondern eine rein professionelle Angelegenheit und Brüderle habe eben gegen dieses professionelle Setting verstoßen.

Dieser Einwand überzeugt allerdings nicht. Denn die Kritik, die Brüderle erntete, richtete sich nicht gegen seine Professionalität als Politiker, sondern gegen den „alten Chauvinisten“ der einer Frau gegenüber unangemessene Anzüglichkeiten macht. Die Kritik besagte nicht in erster Linie, dass ein Politiker so nicht mit einem Journalisten umgehen dürfe, sondern vor allem, dass ein Mann (noch dazu wenn er alt ist) nicht so mit einer Frau umgehen dürfe (noch dazu, wenn sie jung ist).

Aber darum soll es hier gar nicht gehen. Worum es mir vor allem geht, ist das Bild von Männlichkeit, was durch den #Aufschrei vermittelt wird, gerade auch an junge Männer, Jugendliche und Jungs, die noch auf der Suche nach ihrer Persönlichkeit als Mann sind. Ob die Situation an der Hotelbar nun (besonders) unangemessen war oder nicht, spielt dafür keine Rolle. Das zentrale Bild, was vermittelt wird ist folgendes: Männer dürfen nicht so sein, wie sie eigentlich sind. Sie dürfen Frauen nicht als sexuelle Wesen wahrnehmen und sie schon gar nicht so ansprechen. Damit reduzieren sie Frauen auf ihren Körper und dieses Verhalten ist böse. Wenn du so denkst, bist du falsch, von Grund auf verdorben und wenn du dich nicht änderst, wirst du gesellschaftlich sanktioniert, wirst du an den öffentlichen Pranger gestellt und mit Tomaten und faulen Eiern beworfen. Lass dir das eine Lehre sein!

Was mich wundert, ist, dass es dann aber selbst in namhaften Zeitungen immer wieder Artikel gibt wie diesen oder diesen. Hier wird beklagt, die Männer seien heute keine echten Männer mehr, sie seien unsicher, wüssten nicht was sie wollten und könnten eine Frau nicht befriedigen.

Und da frage ich mich immer: Leute, seid ihr wirklich so blind? Erkennt ihr nicht den Zusammenhang? Diese Männer sind nicht so, weil sie so geboren sind. Sie sind so, weil sie so verzogen und verbogen worden sind. Das ist gesellschaftliche Konditionierung. Das gibt es nicht erst seit #Aufschrei. Der war nur das aktuell offensichtlichste unter den vielen Elementen, die so wirken.

Und damit schließt sich der Kreis. Auch Frauen haben auf lange Sicht nichts davon, wenn Männlichkeit unterdrückt wird. Klar, sie werden dann nicht mehr so oft angemacht, was manchen vielleicht gefällt. Andererseits finden sie auch keine aufrichtigen Partner mehr, die selbstbewusst und mit sich selbst – vor allem auch sexuell – im Reinen sind. Das sind zwei Seiten der selben Medaille. Warum erkennt das denn niemand?

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Gesellschaftliche Konventionen

Ein Samstagabend, mitten in Deutschland. Ich komme gerade mit meiner Süßen aus dem Theater, der Faust wurde gegeben. Wir setzen uns noch in ein Café, um das gesehene zu diskutieren und den Abend gemütlich ausklingen zu lassen.

Doch dann ereignete sich etwas, das mir die Kinnlade runterfallen ließ. Unsere Bedienung, ich schätze sie auf Mitte 50, kam mit der Rechnung. Zunächst einmal legte sie diese ganz selbstverständlich an meinen Platz. Als wir dann anfingen, aufzuteilen, wer was zu bezahlen hatte, erhob sie ihre Stimme im Brustton der Empörung: Es sei ja wohl an mir, das zu bezahlen, so ein hübsches Mädchen!

Ich war total verdattert. „Ich habe sie ja schon ins Theater eingeladen…“; meine Süße meinte noch: „Naja, wir sind ja Studenten…“ Aber die Entrüstung wollte sich gar nicht mehr legen. Ob dieser Einmischung war ich so von den Socken, dass ich dann erstmal alles bezahlte. Ich war drauf und dran zu sagen: „Sie ist doch keine Prostituierte, dass ich sie für ihre Zeit bezahlen müsste!“, aber das verkniff ich mir zum Glück.

Was war denn hier eigentlich passiert? Ich musste das erst einmal verarbeiten. Zunächst einmal frage ich mich, wie sich jemand überhaupt so in unsere Privatangelegenheiten einmischen kann, noch dazu ohne irgendwas über uns zu wissen. Fakt ist: Wir sind beide Studenten, noch dazu bin ich – anders als meine Süße – Bafög-berechtigt. Was das Einkommen angeht, sind wir also gleich, wenn sie nicht sogar etwas mehr Geld zur Verfügung hat als ich. Warum sollte ich also bezahlen müssen?

Es liegt auf der Hand: Es ist eine Konvention, dass der Mann bezahlt. Eine althergebrachte Konvention, die aus einer Zeit stammt, in der Frauen kein eigenes Einkommen hatten. Daher war es logisch, dass der Mann bezahlte. Doch diese Zeiten sind gottlob vorbei. Wenn nun jemand trotzdem an diesen Konventionen festhält, dann zeigt er im Grunde nur, dass er auch die Zeiten wiederhaben will, aus denen diese Konventionen stammen. Das hat mich dann wirklich schockiert.

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